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Theater : Shakespeare auf dem niedrigsten Niveau

  • -Aktualisiert am

Wie soll sie sich da behaupten? Corinna Harfouch in „Queen Lear“ Bild: david baltzer / bildbuehne.de

Wie tief kann man noch sinken? Ein ahnungsloser Regisseur versucht sich am Berliner Maxim Gorki Theater an „King Lear“ und veralbert eine große Schauspielerin.

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          Was auch immer es so an Schlagworten im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs gibt, wird im Berliner Maxim Gorki Theater sofort aufgegriffen: Migration, Diversität, Cancel Culture, Gendersternchen, Globalisierung, Veganismus, neue Rechte, neue Linke, neuer Feminismus. Die Liste ist offen, aber stets up to date. Und nun dies: William Shakespeares „König Lear“, sozusagen die Matrix aller Stücke über alte, weiße, heterosexuelle Männer, wird ausgerechnet hier in der Titelrolle mit einer Frau besetzt. Es heißt jetzt „Queen Lear“, denn, so der Regisseur Christian Weise: „Eine starke Frau an der Spitze macht ja viele Assoziationen auf.“

          Egal, was das bedeuten respektive „aufmachen“ mag, es zieht weitere Geschlechterwechsel nach sich. Die zwar unsympathischen, doch ziemlich selbst- und machtbewussten, schrecklich emanzipierten Schwestern Regan und Goneril werden, weil „bösartig und gemein“, natürlich zu Söhnen, nur die dritte, Cordelia, darf eine Frau bleiben, weil sie bei Shakespeare ja „ehrlich und gut“ ist (und trotzdem verstoßen wird). Der Graf von Gloster wird zur Gräfin Bossy Gloster, um den positiven Charakter dieser Figur zu betonen, indes ihr übler, unehelicher „Bastard“ Edmund als „Proud Boy“ sein Unwesen treibt, während ihr ehelicher Sohn Edgar zu „Sister Eddi“ mutiert. Auf diese Art versucht der Regisseur Weise mit seiner Dramaturgin Maria Viktoria Linke, das Drama, das er „frauenfeindlich“ und „ziemlich altbacken“ nennt, zu drehen, zu säubern, umzumodeln. Er will es nicht verstehen, er will es sich unterordnen: Was ihm nicht passt, wird passend gemacht. Dementsprechend wird es in einer der heutigen Umgangssprache angepassten Version des Schreibkollektivs Soeren Voima „nach William Shakespeare“ gezeigt.

          Vollumfänglich auf die Comedy-Drüse

          Die einzige Hoffnung, dass sich all die unsägliche Ballasttheorie auf der Bühne phantasievoll auflösen würde, erfüllt sich nicht. Ja, sie wird sogar krachend enttäuscht – sowohl inhaltlich als auch ästhetisch: Die gemalten Bühnenbilder von Julia Oschatz sind eine freie Interpretation der Star-Wars-Filmausstattungen. Lear und alle anderen brausen in einem Raumschiff durch das Weltall. Jens Dohle liefert dazu mit reichlich Synthi-Gebrumm die passende Science-Fiction-Musik. Rund zwei Drittel des leider knapp dreistündigen Abends werden von Live-Kameras auf eine riesige Leinwand übertragen, und so sitzt man im Theater und kriegt von dem, was sich tatsächlich auf der Bühne abspielt, gar nichts mit. Dabei strengt sich das Ensemble in den futuristisch verrückten Kostümen von Paula Wellmann mächtig an und drückt vollumfänglich auf die Comedy-Drüse. Tim Freudensprung und Emre Aksizoğlu als Goneril und Regan kaspern rumpelstilzchenhaft durch ihre fiesen Pläne, mit denen sie Lear vom Hof jagen wollen, nachdem sie ihr Erbe bekommen haben, und trachten einander mit Lichtschwertern nach dem Leben. Der redliche, treue Graf Kent verkleidet sich als Straßenprostituierte Barbie Ken, wenn er seiner ins Unglück gestürzten Queen in die Obdachlosigkeit folgt, was der wegen eines Krankheitsfalls kurzfristig eingesprungene Fabian Hagen souverän mit Bustier und pinkfarbenem Haarteil vorgaukelt.

          Irgendwie falsch abgebogen: Corinna Harfouch in „Queen Lear“
          Irgendwie falsch abgebogen: Corinna Harfouch in „Queen Lear“ : Bild: david baltzer / bildbuehne.de

          Angestrengt grotesk und zunehmend ermüdend geht es mit Aram Tafreshian als skrupellosem Mistkerl Edmund weiter und ebenfalls mit Svenja Liesau als seiner Schwester Eddi, die bald fliehen muss und als wahnsinniger Tom in der freien Natur den Hobbyphilosophen markiert. Ihr hat der Regisseur viel Zeit für Lust und Launen geschenkt, sie darf berlinern und herumalbern, was das Zeug hält. Die Aufführung allerdings wird durch diesen Schabernack nicht ergiebiger. Yanina Cerón als Cordelia bleibt im roten Mantel blass, genauso Oscar Olivo als Clown mit grünen Haaren und langen Ohren wie der Jedi-Meister Yoda.

          Die Frage aller Fragen hier war natürlich, ob die große Corinna Harfouch als Star der Produktion die sinnliche Kraft von Shakespeares Werk gegenüber Christian Weises niedriger, sinnfreier Inszenierung behaupten können würde. Aber womit soll sie sich gegen diese durchgeknallte Partygesellschaft durchsetzen, in der sie wie eine Antialkoholikerin völlig fehl am Platz wirkt? Corinna Harfouch ackert und stöhnt, ihre Queen Lear scheut weder Schimpf noch Schande, weder Arroganz noch Verzweiflung. Sie müht sich in der Raumfähre wie auf der Heide, wo sie sich hinhockt und ihre Blase leert, ehe sie neben der Leiche ihrer Tochter Cordelia stirbt. Aber es nützt alles nichts, diesen Kampf kann auch eine Corinna Harfouch nicht gewinnen.

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