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Nederlands Dans Theater : Als hätten Schulhöfe keine Mauern

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Von England mit viel Liebe: Hofesh Shechters Choreographie Bild: Rahi Rezvani

Furiose Punkrocker mit Sinn für die Zukunft der Traditionen: Mit dem als Livestream-Premiere gezeigten Abend „Shadow’s Whispers“ erfindet sich das großartige Nederlands Dans Theater neu.

          3 Min.

          Fast ein Menschenalter liegt die Gründung des ersten Ensembles für zeitgenössischen Tanz in den Niederlanden, des „Nederlands Dans Theater“ (NDT) inzwischen zurück. International maßstabsetzende Jahrzehnte erlebte die Compagnie im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert mit ihren Choreographen Jiri Kylián und Hans van Manen. Der eine, aufgewachsen in Prag im Widerschein der Laterna Magica, brachte surrealistische Schattenreiche mit doppeltem Boden und schwarzen Löchern auf die Bühne, der andere zog den Spitzenschuh den falschen Prinzessinnen der Vergangenheit von den Füßen und stellte seine modernen, selbstbewussten, passionierten Ballerinen darauf.

          Sich von Männern geduldig im Kreis drehen zu lassen, lag Tänzerinnen bei van Manen schon immer denkbar fern. Dem Mut und Witz dieses Choreographen kommen nur sein Einfallsreichtum und seine Bewegungsintelligenz gleich. Emanzipation für alle, fand er, und choreographierte den ersten Pas de deux von Männern. Das ist Geschichte, van Manen hat sich lange dem Ensemble ferngehalten, aber man muss an ihn denken und an Jiri Kylian, wenn man den neuen, als weltweite Livestream-Premiere gezeigten Abend „Shadow’s Whispers“ und da besonders die Uraufführung „Baby don’t hurt me“ von den Geschwistern Imre und Marne van Opstal sieht.

          Weniger in der Sprache liegt die Verwandtschaft, als vielmehr in dem bewegenden Ausdruck tänzerisch gebändigter, konzentrierter Gefühle, von Verlangen, davon, jung zu sein und unsicher, anders und mitunter verängstigt, dann wieder alles auf einmal könnend, im Sprung die Welt zu erobernd. Damals bei der Gründung des NDT handelte es sich ganz klar um eine Kampfansage an das Ballettestablishment, den Beginn der Befreiung von Rollenklischees, der leidenschaftlichen Suche nach authentischem Ausdruck. Und so kann man auch das Stück der Geschwister Imre und Marne verstehen.

          Ein neues Verständnis des Tanzes der Gegenwart

          Zwei der jungen, herausragenden Tänzer sind wie Frauen frisiert und geschminkt und bekennen sich eingangs zu ihrer fluiden Identität. Und berichten davon, wie schwer es manchmal draußen auf der Straße ist, sich maskulin und feminin zugleich zu zeigen. Hier in der bewusst widerspruchsreichen, alle möglichen Idiome kunstvoll vermischenden Choreographie „Baby don’t hurt me“ erzeugt ihr Tanz intuitives Verständnis für ihre Lebensentscheidung. Sofort denkt man: Ihr sollt ohne Gefahr frei wählen können wer und wie ihr sein wollt!

          Es geht Imre und Marne van Opstal darum, den Schutzraum des Probenprozesses auf die Bühne zu bringen und gleichsam nur die vierte Wand zu öffnen, und so mit uns, dem Publikum, eine in der Kunst aufgefangene Intimität zu teilen, die wirklich tief anrührt.

          Wie gerne hätte man mit diesen phantastischen Tänzern den Theaterraum geteilt, hätte sie da oben auf der Bühne nach Luft ringen, ihre Füße auf den Boden aufkommen hören. Vielleicht ist es kein Wunder, dass sich das NDT jetzt unter der Leitung von Emily Molnar, im zweiundsechzigsten Jahr nach der Gründung, so inspiriert zeigt und in eine Zukunft des zeitgenössischen Tanzes weist, die gleichermaßen von Tanzleidenschaft wie Lust am schauspielerischen Ausdruck geprägt ist. Vielleicht ist es dieser pragmatische Weg Hollands, einfach ein neues Ensemble zu gründen für den neuen Tanz, der dazu führt, dass diese Tradition jetzt, nach schwächeren Jahren, ein neues Verständnis des Tanzes der Gegenwart hervorbringt. Imre van Opstal ist genau wie ihr Bruder Mitglied des NDT gewesen. Inzwischen tanzt sie in Israel bei der Batsheva Dance Company, zu der es traditionell enge Verbindungen gibt.

          Die deutsche Tanzwelt kämpft bis heute

          Wer die niederländische neue Generation betrachtet, auch die virtuosen, höchst individuellen Tänzerpersönlichkeiten am NDT, uneitel, furios und dazu entschlossen, alles zu geben, der kann den Vergleich zu Deutschland nur scheuen. Als das NDT die Arbeit 1959 aufnahm, war von Pina Bauschs Karriere in Wuppertal noch nichts zu ahnen, nichts davon, dass einmal viele klassisch trainierte Ensembles sich umbenennen würden in „Tanztheater“, und dass Johann Kresnik an der Deutschen Oper Berlin die Mitbestimmung der Tänzer fordern und ihren Belangen und Bedürfnissen auf der riesigen Opernbühne Ausdruck verleihen wollte.

          Die Emanzipationsbewegung dieser Kunst richtete sich hier nicht nur gegen Strukturen, die den Tanz den anderen Sparten nachordneten und finanziell schlechter stellten. In Deutschland richteten sich die Tänzer Ende der sechziger Jahre gegen das herrschende Verständnis von Tanz, gegen das, was unter dem Begriff „Klassisches Ballett“ zusammengefasst wurde, ob es nun romantisch oder neoklassisch war. Mit den Folgen der Priorisierung des aktuellen Schaffens und gesellschaftspolitischer relevanter Themen gegenüber dem Repertoire aus dreihundertfünfzig Jahren kämpft die deutsche Tanzwelt bis heute. Sie hat sich gegen sich selbst gewandt und den Graben zwischen Tradition und Zukunft nie schließen können.

          Dann schlägt es um in kontrollierte Raserei

          In Holland hingegen vereinigte man 1961, zwei Jahre nach der Gründung des NDT, das Amsterdamer mit dem nationalen Ballett und stellte so sicher, dass auch die akademische Tradition eine Zukunft hätte. Diese unaufgeregte, großzügige Lösung ist aufgegangen, auch Ted Brandsens „Het Nationale Ballet“ steht hervorragend da.

          Die Knappheit international erfolgreicher Choreographen will das NDT ganz offensichtlich mildern. Einstweilen konkurriert es, wenn man „Shadow’s Whispers“ betrachtet, siegesgewiss um die Auszeichnung mit Uraufführungen der etablierten Namen. Der britisch-israelische Choreograph Hofesh Shechter hat, mit Musik von Edward Elgar bis zu zeitgenössischen elektronischen Klängen, ein Stück geschaffen, das er halb ironisch „From England with Love“ genannt hat. In Schuluniformen mit Krawatten und Rucksäcken tobt die Truppe über die Bühne, als hätten Schulhöfe keine Mauern. Und dann schlägt es natürlich um in kontrollierte Raserei, denn Holland kann viel, aber England hat den Punkrock erfunden.

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