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Koskys „Dreigroschenoper“ in Berlin : Wiederbegegnung im Zauberzwielicht

  • -Aktualisiert am

„Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill, diesmal unter Regie von Barrie Kosky Bild: Jörg Brüggemann

Einmal nein, einmal ja: Am Deutschen Theater wird „Fräulein Julie“ zur Insta-Maus, am Berliner Ensemble zeigt Barrie Kosky eine phänomenale „Dreigroschenoper“.

          4 Min.

          Nein, dafür haben wir nicht so lange geduldig gewartet, um jetzt so ein unbedarftes, überflüssiges, durch und durch spannungsloses Theater zu erleben. Dafür lohnt der Aufwand nicht, all die Schnelltests, Impfnachweise und stilvoll bestickten Masken, um wieder ins Innere der lang verschlossenen Spielstätte zu gelangen. Nicht für dieses banale Rumgezappele, nicht für diese Klischeevorstellung von menschlicher Abgründigkeit. Timofej Kuljabin heißt der vom Haus als „derzeit aufregendster Regisseur Russlands“ angepriesene Spielleiter. Aber schon nach wenigen Minuten ist klar: Hier wird höchstens man selbst sich aufregen – über das gänzlich unbegründete Selbstbewusstsein eines Regisseurs, sich Strindbergs „Fräulein Julie“ als Anlass für seine pseudovoyeuristische Versuchsanordnung zu nehmen: Ein ehemaliger Geliebter nimmt Rache an der Insta-Maus Julie, indem er ihren arglosen Diener Jean dazu bringt, sie vor versteckter Kamera vorzuführen und zu besteigen.

          Der Blick des Regisseurs auf seine Figuren ist klischiert und schwülstig – kurze Röcke, entblößte Oberschenkel und dicke Bäuche sollen angeblich etwas über Gier und Einsamkeit erzählen, entpuppen sich aber schnell als zweifelhafte Anzeichen einer pornographisierten Männerfantasie. Der überschriebene Text ist plump und poesielos, die Kostüme und das Bühnenbild sind unteres Vorabendserienniveau, genau wie das ganze Geschehen. Die bemitleidenswerten Darsteller werden als Stafetten benutzt, nichts stimmt, kein Satz, kein Gefühl trägt, alles ist falsch, alles ist pseudo. Der Realismus wird hier zum Synonym für Peinlichkeit und dramaturgischen Dilettantismus und weist dem Abend seine Richtung: Er gehört ins Netz, auf irgendeinen kleinen Bildschirm oder überflüssigen Account, aber nicht auf die Bühne des Deutschen Theaters.

          Als Stafetten missbraucht: Fräulein Julie (Linn Reuse) und ihr argloser Diener Jean (Felix Goeser)
          Als Stafetten missbraucht: Fräulein Julie (Linn Reuse) und ihr argloser Diener Jean (Felix Goeser) : Bild: Arno Declair

          Ja, darauf haben wir zu Recht so lange gewartet: Auf diesen Paukenschlag, auf dieses Glitzern. Diesen Einfallsreichtum, diese überbordende Spiellaune. Spot on, die Theatermaschine läuft wieder: Am Berliner Ensemble inszeniert Barrie Kosky Brechts „Dreigroschenoper“ und schenkt der Theaterhauptstadt einen neuen, rasanten Renner.

          Die Inszenierung des hier am Haus 1928 uraufgeführten Musikschauspiels über die Machenschaften des Londoner Ganovenkönigs Mackie Messer löst die legendär manierierte, von Robert Wilson exakt erträumte Bearbeitung ab. Sie setzt dem die quirlige Großzügigkeit der Komischen Oper – deren Intendant Kosky ja ist – entgegen. Kaum ist das Licht aus, beginnt das von Adam Benzwi geleitete Orchester ausgelassen zu spielen, aufzuspielen sollte man besser sagen, denn in der Tat klingt es von Beginn an wie ein Tanzorchester auf einem sinkenden Schiff, das mit voller Wucht ein „trotz allem“ in die Welt schmettert, ein „jetzt erst recht“ hinausposaunt.

          Und der Haifisch...

          Das phänomenale Schauspielensem- ble lässt sich davon anstecken und mitreißen: Durch einen Glitzervorhang schaut zu Beginn und am Ende das grell geschminkte Gesicht von Josefin Platt. Im aufgeregt zitternden Schein des Lichtkegels singt sie die weltbekannten Moritate – erst die vom „Haifisch mit den Zähnen“ und zum Schluss die von denen, die unbeachtet „im Dunkeln stehen“. Dazwischen vergehen knappe drei Stunden wie im Höhenflug. Nico Holonics gibt einen durch und durch tanzwütigen, rauröhrenden Mackie mit schwarzumrandeten, zum „Joker“ hin blinzelnden Augen. Aus jeder Faser seines Körpers strömt die Lust an der vorgeführten Verwandlung. An seiner Seite keinen Deut weniger spielwütig: Cynthia Micas als Polly Peachum im weißen Rüschenkleid. Sie dreht und wendet sich selbstsicher und kennt keine Angst vor noch so düsteren Geschäften. So wie sie das Lied der Seeräuber-Jenny singt, mit glockenheller Stimme und entschiedener Schönheit, freut man sich sehr auf den Tag, an dem endlich das Schiff mit den acht Segeln und den fünfzig Kanonen in den Hafen einfahren und alle Ungerechten bestrafen wird.

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