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Gogol am Thalia Theater : Der russische Held gehört der Unterwelt

Ausdrucksstarkes Körpertheater: Johannes Hegemann, Pascal Houdus und Oleksandr Yatsenko vergegenwärtigen Misshandlungen im Krieg. Bild: dpa

Starauftritt des bösen Geistes: Kirill Serebrennikow inszeniert am Hamburger Thalia Theater das Antikriegsstück „Der Wij“ nach Nikolai Gogol. Das Stück, das er mit einem ukrainischen Koautor verfasst hat, beruht auf Dokumentartexten.

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          Der Protest war wohl politisch programmiert und, was die ukrainische Seite betrifft, emotional völlig verständlich, aber ihrer Sache doch vielleicht nicht wirklich dienlich. Vor der Premiere des das Kriegsgeschehen in der Ukraine verarbeitenden Stückes „Der Wij“ nach Ni­kolai Gogol, das der exilrussische Regisseur Kirill Serebrennikow mit einem in­ternationalen Team mit ukrainischen Künstlern an der Studiobühne des Hamburger Thalia Theaters an der Gaußstraße herausbrachte, demonstrierte ein lautstarker Trupp von etwa zwanzig Ukrainerinnen mit Transparenten und Sprechchören gegen den „Propagandisten russischer Kultur“, dem sie Heuchelei und Sexismus vorwarfen, und für die Subjekthaftigkeit der ukrainischen Kultur. Serebrennikow, der schon seit 2014 den Krieg seines Landes gegen die Ukraine verurteilte und nach dem Beginn der Invasion Anfang des Jahres Moskau verließ, dimmt indessen gerade in dieser Produktion die russische Subjekthaftigkeit maximal herunter, ja, er zerlegt sie.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Wij ist in der slawischen Mythologie ein mächtiger Geist aus der Unterwelt, dessen Blick tötet. Seine Augen sind zumeist von riesigen Lidern verdeckt, die er nur mit fremder Hilfe öffnen kann. Der in der Ukraine geborene russische Autor Gogol lässt in seiner schwarzromantischen Erzählung gleichen Namens von 1835 diesen Dämon Vernunft und Moral bekämpfen. Angesichts der extremen, irrationalen Grausamkeit, die russische Militärs in der Ukraine an den Tag gelegt haben, sprechen Kommentatoren oft von deren „chthonischer“ Qualität, was an dieses unauflöslich mit dem Erdreich verklebte Monster denken lässt. Serebren­nikow, der aus dem südrussischen Rostow nahe der ukrainischen Grenze stammt und viel mit Ukrainern arbeitet, macht aus ihm den Dämon des Krieges, der den Menschen ihre Humanität nimmt. Der Dramentext, den er gemeinsam mit seinem ukrainischen Koautor Bohdan Pokrukhin verfasst hat, verwendet daher vor allem aktuelles dokumentarisches Material und weist dem russischen Soldaten, dem in ukrainischer Gefangenschaft seine und die Gräueltaten seiner Landsleute vorgehalten werden, eine über den größten Teil des Stückes stumme Rolle zu.

          Der Soldat als nichtmenschlicher Ork

          Es spielen Deutsche, Russen und Ukrainer, die Deutsch, aber auch Englisch, Russisch und Ukrainisch sprechen. Das Bühnenbild, das Serebrennikow (mit Elena Bulotschnikowa) entworfen hat, versetzt in einen schmuddeligen Betonraum, die Unterwelt eines Schutzbunkers oder Folterkellers. In völliger Finsternis tanzen vier Männer mit Handylichtern eingangs eine Prügelchoreographie, die durch Atemgeräusch, menschliches und Sirenengeheul sowie hasserfüllte Flüche beschallt wird – Kämpfer in einer offenbar von den Russen befreiten Region haben einen Besatzer gefangen, für sie ein Ungeheuer, das nur Vernichtungswünsche weckt. Dass die von Filipp Awdejew verkörperte Figur den längsten Teil des Zweistundenabends das Gesicht verbirgt und von der Kostümausstattung (Serebrennikow mit Schalwa Nikaschwili) in eine schlammstarrende Drecksuniform gesteckt wird, kennzeichnet ihn als in die Nichtmenschlichkeit abgesunkenes Ork-Wesen, als welche ukrainische Militärs Russen auch oft ansprechen.

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