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Kastratenoper wiederbelebt : Das kann man eigentlich nicht singen – oder doch?

  • -Aktualisiert am

David Hansen in der Rolle, die Riccardo Broschi für seinen Bruder, den Kastraten Farinelli geschrieben hatte. Bild: Rupert Larl

Den Innsbrucker Festwochen für Alte Musik ist eine sensationelle Ausgrabung gelungen: Riccardo Broschis Barockoper „Merope“ mit einem atemraubenden Sängerensemble.

          Der Komponist Riccardo Broschi ist der Nachwelt hauptsächlich als älterer Bruder des berühmten Kastraten Carlo Broschi im Gedächtnis geblieben. Schon zu Lebzeiten stand er im Schatten des legendären Sängers, der unter dem Künstlernamen Farinelli in ganz Europa Triumphe feierte. Und noch in Gérard Corbiaus Film „Farinelli“ von 1995 wird er als kompositorischer Stümper abgekanzelt. Riccardo wurde 1698 in Neapel geboren und erhielt dort seine musikalische Ausbildung vermutlich bei Francesco Durante. Nach ersten kompositorischen Erfolgen in seiner Heimatstadt wurde er international vor allem durch Opern bekannt, die seinem Bruderherz effektvolle Auftritte ermöglichten. Da ihm Carlos Stimme in all ihren Facetten und Entfaltungsmöglichkeiten von Grund auf vertraut war, konnte er ihm wie sonst nur dessen Lehrer Nicola Porpora Arien passgenau auf den Kehlkopf schreiben. Als Höhepunkt dieser Seria-Werke kann das Musikdrama „Merope“ gelten, das 1732 in Turin aus der Taufe gehoben wurde. Nach einem unsteten Wanderleben zwischen Italien, Deutschland und vielleicht auch England erhielt Riccardo Broschi 1736 in Stuttgart eine Anstellung, die er jedoch bald wieder verlor. Frustriert folgte er wenig später Carlo nach Madrid, wo er 1756 starb.

          Bei den Innsbrucker Festwochen Alter Musik kam nun Broschis „Merope“ als Eröffnungsproduktion auf die Bühne des Tiroler Landestheaters. Mit zwei Pausen und den nicht von Broschi stammenden Ballettmusiken nach jedem der drei Akte dauert das von neapolitanischer Tradition geprägte Stück fünf Stunden. Mit seiner Entscheidung für diese erste szenische Wiederaufführung einer kompletten Oper Broschis in unserer Zeit hat der Intendant Alessandro De Marchi viel gewagt, aber auch viel gewonnen. Zusammen mit Giovanni Barbati hat er eine Neuedition der Turiner Urfassungspartitur erstellt. Eine Produktion von Broschis Meisterwerk in voller Länge dürfte freilich selbst für größere Opernhäuser eine Herausforderung bleiben. Die durchweg anspruchsvollen, extrem virtuosen Vokalpartien sind schwierig zu besetzen. Auch instrumental kann die Musik ihre ganze Wirkung nur entfalten, wenn ein Ensemble mit historisch informierter Spielpraxis zur Verfügung steht.

          Das Libretto von Apostolo Zeno stellt nichts weniger dar als einen packenden, von Akt zu Akt furios zugespitzten Politkrimi im antiken griechischen Königreich Messenien. Der Usurpator Polifonte hat Königin Meropes Gatten und zwei ihrer Söhne durch Anassandro ermorden lassen. Auch der dritte Sohn Epitide, der sich am Hof von Ätolien mit Prinzessin Argia verlobt hat, soll getötet werden, kommt jedoch incognito zurück und wird in ein teuflisches Spiel verwickelt. Polifonte hetzt Merope, Epitide, Argia und den königstreuen Ratsherr Trasimede gegeneinander auf. Immer perfidere Intrigen halten das Drama auf Trab. Erst in letzter Sekunde wendet sich das Blatt.

          Sigrid T’Hoofts Inszenierung erzählt diese Geschichte in Bildern und Gesten, die sich zeichenhaft auf der Basis barocker Bühnenästhetik dem Gesang anschmiegen. Gelegentlich werden sie behutsam durch spontane Reaktionen einzelner Protagonisten erweitert. Szenerie und Kostüme (Stephan Dietrich) greifen ebenfalls barocke Modelle auf. Nach hinten gestaffelte Seitengassen suggerieren Raumtiefe, von der Decke hängende Kronleuchter fungieren als scheinbare Lichtquellen. Bemalte, nach Bedarf bewegliche Pappkulissen zeigen „antike“ Säulen und Fassaden, Zypressen oder Felslandschaften. Ergänzend kommen auch Elemente griechischer Nationaltracht und anderer Moden ins Spiel.

          Irrwitzige Koloraturen und langer Atem

          In Innsbruck steht für Broschis „Merope“ ein phänomenales Gesangsensemble mit drei exzellenten Countertenören zur Verfügung. David Hansen übernimmt die einst für Farinelli konzipierte Partie des Epitide, die nicht nur einen langen Atem und leuchtende Spitzentöne verlangt, sondern auch mit extremen Sprüngen und irrwitzigen Koloraturen gespickt ist, die sich aus tiefster Brust in schwindelnde Höhen emporschrauben. All das bewältigt Hansen spektakulär und erntet dafür rasenden Beifall.

          Filippo Mineccia leiht dem trotzig stolzen Schurken Anassandro seine geschmeidige, in allen Schattierungen kontrollierte Stimme. Hagen Matzeit glänzt als ätolischer Gesandter Licisco mit noblen Kantilenen. Theatergerecht und differenziert setzt Anna Bonitatibus als exotisch drapierte Titelheldin ihren reifen Mezzosopran akustisch in Szene. Subtile Gefühlsnuancen in Pianissimo-Kadenzen packen da ebenso wie machtvoll dem Tyrannen entgegengeschleuderte Wutausbrüche. Vivica Genaux begeistert als Trasimede mit perfekter Verzierungstechnik und einem Feuerwerk vokaler Hochseilakte in nahezu unsingbaren Arien. Eine völlig andere Perspektive bringt Arianna Vendittelli als verwöhnte Prinzessin Argia ins Spiel. Ihr glasklarer, sicher intonierender Sopran verbindet jugendlichen Liebreiz und Selbstverliebtheit. In einem mit Hansen genial zelebrierten Duett schmelzen die Stimmen der beiden Liebenden selig schwebend ineinander, trennen und finden sich wieder in süßen Reibungen, die auch heute noch betören.

          Carlo Alemanno meistert die Tenorpartie Polifontes vokal stabil und enorm beweglich. De Marchi, der hier erstmals mit dem neu formierten Festwochenorchester musiziert, reklamiert Broschi als begnadeten Melodiker, charmanten Rhythmiker und fulminanten Theaterkomponisten. Die Ballettmusiken werden in Innsbruck durch Jean-Marie Leclairs „Récréation de musique“ und reizvolle Tanzstücke von Carlo Alessio Rasetti ersetzt.

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