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Führung der Semperoper : Um Thielemann wird Dresden beneidet

  • -Aktualisiert am

Seit 2012 Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle: Christian Thielemann Bild: dpa

Die Entscheidung, Christian Thielemann im Sommer 2024 die Leitung der Staatskapelle Dresden zu entziehen, sei kunstfremd und gefährde neben dem Orchester zugleich die Position der Musikhochschule, sagt deren Rektor Axel Köhler.

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          Es war ein Paukenschlag, als die sächsische Staatsregierung dem Dirigenten Christian Thielemann, seit 2012 Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle, und dem Schweizer Peter Theiler, Intendant der Semperoper seit 2018, perspektivisch die Stühle vor die Tür gestellt hat. 2024 sollen beide ihre Posten räumen. Der Sänger, Regisseur und ehemalige Intendant Axel Köhler, vor zwei Jahren zum Rektor der Dresdner Musikhochschule berufen, sieht darin ein fatales Signal. F.A.Z.

          Ihnen ist es gelungen, Christian Thielemann zum Honorarprofessor Ihrer Hochschule zu berufen. Fürchten Sie, den Dirigenten nach dieser politischen Weichenstellung wieder zu verlieren?

          Ich war sehr stolz darauf, dass es unserer Hochschule gelang, den Maestro zu gewinnen. Und ich war auch sehr froh über das Interesse sowohl in der künstlerischen Szene als auch bei Politik und Wirtschaft, im vergangenen Herbst diesem Festakt zur Einführung von Christian Thielemann beizuwohnen. Daher bin ich nicht nur überrascht, sondern durchaus besorgt, denn die Honorarprofessur Christian Thielemanns basiert ja auf der Tatsache, dass er Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle ist.

          Begründet wird die Entscheidung mit der Chance eines gemeinsamen Neuanfangs von Intendant und Musikchef respektive -chefin.

          Ich kann dem Gedanken politisch folgen, habe aber Probleme damit, das zum Credo zu erheben. Ein Intendant ist im besten Sinne des Wortes ein Verwalter des künstlerischen Potentials seines Hauses, ein Ermöglicher der Kunst. Dass Intendanten aus politischen Gründen kommen und gehen, ist relativ normal. Ich kann das so sagen, da ich selbst in diesem Beruf gearbeitet habe. Die Staatskapelle ist nun zwar mit der Semperoper verwoben, hat aber doch eine solitäre Stellung. Das beste Beispiel dafür sind die Berliner Philharmoniker, die in einem langen Prozess gemeinsam mit ihrem Chefdirigenten festgestellt haben: Simon Rattle hat uns alles gegeben, was er geben konnte, und wir haben alles von ihm genommen, was wir brauchten; nun steht eine Neuorientierung für beide Seiten an. Dieser Punkt ist hier noch lange nicht erreicht. Herr Thielemann ist mit der Staatskapelle seit Jahren auf einem unfassbaren künstlerischen Niveau. Da gibt es noch ganz viel, was in genau dieser Konstellation zu erarbeiten wäre. Ein Orchester, das neben vielem anderen exemplarisch für die Erschaffung, Pflege und Entwicklung der speziellen Dresdner Musiktradition steht, die sich durch Komponistennamen wie Weber, Wagner und Strauss auszeichnet, in Verbindung mit einem Dirigenten, der ein geniales Gespür für die Interpretation genau dieser Musik hat, ist eine künstlerische Symbiose, um die Dresden weltweit beneidet wird und in der meiner Meinung nach noch eine Menge Potential steckt. All das aus einem politischen Motiv heraus aufzulösen, das nur „Neuanfang“ heißt, ist aus künstlerischer Sicht schwer nachvollziehbar.

          Der Rektor der Dresdner Musikhochschule Axel Köhler
          Der Rektor der Dresdner Musikhochschule Axel Köhler : Bild: Lutz Edelhoff

          Sachsens Kulturministerin spricht vom „Übermorgen der Oper“ und setzt auf das Motto „Semper2030“ – ist das weitsichtig oder banal?

          Dass sich die Oper in den nächsten Jahren verändern wird, versteht sich für mich von selbst. Die Frage ist aber, warum eine solche Erneuerung nicht mit Christian Thielemann möglich sein sollte. Die Konzerte und Opernaufführungen mit ihm stehen qualitativ jenseits aller Kriterien wie konventionell oder erneuerungswürdig, sondern sind einzigartig bis ekstatisch. Und solche Spitzenleistungen muss es gehen. Wenn wir uns nicht zu Eliten bekennen, werden wir auch keinen guten Mittelbau in der Gesellschaft haben. Das eine zieht das andere nach sich.

          Als Hochschule müssen Sie beides bedienen, Elite und Mittelbau.

          Es kann in einer Gesellschaft nie genug Kreativität geben. Damit werden junge Menschen zu Initiatoren neuer Ideen, denn Hochschulen sind nun mal prinzipiell für Innovation verantwortlich. Aber man muss Tradition, aus der Innovation ja erwächst, auch gut pflegen. Zumal wir gerade hier in Dresden mit einer Tradition gesegnet sind, die ihresgleichen sucht, die lebendig gehalten werden und die auch immer auf ihre Bedeutung für das Hier und Heute hin untersucht werden muss. Wir engagieren uns zum Beispiel an der Hochschule mit einem langfristigen Forschungsprojekt zum Klang der Sächsischen Staatskapelle, um diesem Mysterium der „Wunderharfe“ auf die Spur zu kommen. Das zeigt die Bedeutung des Orchesters und rückt den Dreiklang Staatskapelle–Thielemann–Hochschule in den Vordergrund. Hoffend, dass dieser Dreiklang durch die nun getroffene politische Entscheidung nicht zur Dissonanz gerät, wünsche ich mir, dass die wunderbare Zusammenarbeit, die im Rahmen der Honorarprofessur entstanden ist, trotz allem fortgesetzt wird. Für den Exzellenzanspruch unserer Hochschule ist das nämlich ein enormer Gewinn.

          Wie sieht das rein praktisch aus?

          Wir hatten das große Glück, dass die Staatskapelle für unsere Dirigierstudenten zwei ihrer Proben zur Verfügung gestellt hat, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen und ihnen direktes Feedback auf ihr Dirigat zu geben. Hinzu kommt, dass wir im Zusammenhang mit der Förderung unserer Studiosi einen Gönner gefunden haben, der uns einen „Thielemann-Preis“ einrichten wird. Dazu sollen Meisterkurse mit Christian Thielemann stattfinden, die in einem öffentlichen Konzert der Staatskapelle im Konzertsaal der Hochschule ihren Höhepunkt finden, das von den ausgesuchten jungen Dirigentinnen und Dirigenten zu gleichen Teilen dirigiert wird. Das Orchester soll dann sein Votum für die Stipendiatin oder den Stipendiaten geben.

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