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Christoph Marthaler wird 70 : Prospero im Reich der somnambulen Sänger

Christoph Marthaler Bild: Funke

Der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler hat sich auf der Bühne eine eigene Welt erschaffen. Niemand außer ihm kann das Theater so traumverloren zum Klingen bringen. Heute wird er siebzig.

          3 Min.

          Er ist der Entdecker der Langsamkeit auf dem Theater, ein Expeditionsreisender, mit der Zeitlupe unterwegs durch den frisch ge­­fegten Kleinbürgerurwald. Christoph Marthaler ist kein Regisseur, der die Dinge vorantreibt, sondern einer, der sie festhält, der Zustände, Figuren, Milieus und Men­talitäten unendlich langsam sich strecken und dehnen lässt, ohne dass sie dabei vom Fleck kämen. Stillstand, Tradition, Nostalgie und Brauchtum, all das wird ihm erst durch die Musik erträglich, die er behandelt, als wäre sie unverletzlich, unschuldig, nicht korrumpierbar, und zugleich einsetzt wie eine Söldnerin des Sentiments, die je­dem zu Diensten ist, ganz gleich zu welchem Zweck. Wer einen der typischen Marthaler-Abende genießt, genießt immer auch die schönen Klänge falscher Gefühle.

          Das Warten und die Leere

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Marthaler-Abende sind aber auch Abende über das Warten und die Leere, über Antriebslosigkeit und Agonie als natür­liche Aggregatzustände des Menschen. In den dazugehörigen Bühnenbildern ist die Zeit nicht einfach stehengeblieben – sie hat sich nur um einige Jahre oder Jahrzehnte verspätet. Die Uhren haben keine Zeiger, die Menschen keine Eile. Sie leben in Schlafsälen, Wartesälen, Hotel- oder Bahnhofsbüfetts: Orte des Übergangs, der nicht stattfindet. An seine Stelle ist das Ri­tual getreten, ewige Wiederkehr einer einst sinnvollen, nun längst sinnentleerten Handlung. Jacken werden an- und wieder ausgezogen, Brillen auf- und wieder abgesetzt, Volkslieder angestimmt und abgebrochen, ein Kellner balanciert ein Tablett mit Biergläsern, die André Jung, grandios als verschwiemelt-verschlafen-verschlagener Schmierlapp, selbst dann nicht verschüttet, wenn er sich kurz auf eines der Betten legt, die Anna Viebrock auf die Bühne des Baslers Theaters gestellt hat.

          Das war 1993, als Marthaler sich nach „Stägeli uf, Stägeli ab, Juhee“ und „Wenn das Alpenhirn sich rötet, tötet, freie Schweizer, tötet“, seinem musikalisch-theatralischen Beitrag zur 700-Jahr-Feier der Schweiz, mit „Prohelvetia“ aus Basel verabschiedete. Hier hatte er mit Labiches „Affäre Rue de Lourcine“ seine erste Schauspielinszenierung vorgelegt und war dann mit dem Intendanten Frank Baumbauer ans Deutsche Schauspielhaus nach Hamburg gewechselt, bevor er im Jahr 2000 selbst Intendant am Züricher Schauspielhaus wurde. Die Züricher liebten ihn, aber nicht sehr lange. Nach vier Jahren zog Marthaler weiter, ein wenig verbeult von zum Teil recht rüde geführten Debatten, in denen viel von Geld und wenig von Theaterkunst die Rede war.

          Herumgewurschtel im postmaskulinen Zeitalter: Susanne-Marie Wrage, Olivia Grigolli, Elisa Plüss und Nikola Weisse im Züricher Schauspielhaus
          Herumgewurschtel im postmaskulinen Zeitalter: Susanne-Marie Wrage, Olivia Grigolli, Elisa Plüss und Nikola Weisse im Züricher Schauspielhaus : Bild: Gina Folly

          Von einem Schweizer Theatermacher, der Blockflöte und Oboe studiert hatte und aus der Off-Szene kam, war er da längst zu einem europäischen Regisseur geworden, hatte in Salzburg Schönbergs „Pierrot Lunaire“ und in Frankfurt Verdis „Luisa Miller“ inszeniert, in Gent, Brüssel und Avignon gearbeitet. Bis er ans Züricher Schauspielhaus zurückkehrte, dauerte es dreizehn Jahre. In „Mir nämeds uf öis“ entwickelte er 2017 nach dem Vorbild der in der Schuldenkrise erdachten „Bad Bank“ eine supranationale Verklappungsinstitution für Schuldgefühle und anderen moralischen Sondermüll, also für den un­erwünschten Seelenbeifang der spätkapitalistischen Geschäftemacherwelt. Flott formulierte Bankerweisheiten standen hier hoch im Kurs: „Nehmen ist dasselbe wie Geben, nur ohne Geben.“

          Das ganze Haus ein Wartesaal

          Solche Sätze wurden auch an der Berliner Volksbühne verstanden, wo Marthaler 2016 die letzte Spielzeit vor Beginn der kurzen Ära Dercon eröffnete. Das ganze Haus glich einem Wartesaal, in dem düsterste Untergangsstimmung herrschte. Castorf war weg, die DDR also noch einmal untergegangen, und nun hatte Anna Viebrock die Bühne leergeräumt und in eine Art Museumssalon verwandelt, in den die Schauspieler und Musiker gekarrt wurden wie Kunstwerke, die gut verpackt auf Ausstellungstournee gehen. Jürg Kienberger, der damals in Basel im Trainingsleibchen mit einem Panthersatz über das Turnersprungbrett direkt auf dem Hocker vor seinem Harmonium gelandet war, wurde nun mitsamt seinem Spinett aus dicken Decken geschält und sang nicht mehr sein unvergessliches „Danke für diesen schönen Morgen“, sondern Shakespeare-Verse.

          Kienberger, Tora Augestad, Ueli Jaeggi, Olivia Grigolli, Josef Ostendorf, Robert Hunger-Bühler, Anna Viebrock oder Graham F. Valentine – wenn man die Bedeutung eines Regisseurs am Rang der Künstler ablesen kann, mit denen er arbeitet, gehört Marthaler zu den wichtigsten Regisseuren seiner Generation. Zu einem Solitär hat ihn indes etwas anderes gemacht. Frank Castorf hat mit seinem Regiestil und seinen unverkennbaren Eigenheiten eine Stadttheaterschule begründet. Christoph Marthaler, der Beschwörer der traumverlorenen Klänge, hat sich eine eigene Bühnenwelt erschaffen. Am heutigen Sonntag wird er siebzig: ein Prospero im Reich der somnambulen Sänger.

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