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Schwarze im Ballett : Schwanenweiß, so weit das Auge reicht

  • -Aktualisiert am

Misty Copeland in „Schwanensee“ – als Durchbruch für schwarze Tänzer kann ihr Engagement kaum gelten. Bild: Picture-Alliance

Warum sind auf vielen Bühnen schwarze Tänzer noch immer unterrepräsentiert? Das hat weniger mit Vorurteilen zu tun als mit den ungleich verteilten Chancen, eine solide Ausbildung zu erhalten.

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          Als die Afroamerikanerin Misty Copeland 2015 zur Prinzipalin des New Yorker American Ballet Theatre ernannt wurde, war der Jubel groß. Endlich sei das europäisch geprägte Schönheitsideal im Ballett überwunden, Tänzerinnen müssten nun nicht mehr weiß sein, hieß es. Diese Diskussion an Misty Copeland aufzuhängen ist erstaunlich, denn sie sieht so hellhäutig aus, dass sie eigentlich schlecht als Beispiel taugt. Die „Süddeutsche Zeitung“ griff ihren Fall jetzt in einem Artikel auf, der fordert, dass es mehr farbige Ballerinen und weibliche Choreographen geben müsse, gleichzeitig aber spitz bemerkt, dass Copeland die „mediale Maschinerie mit dem Öl“ ihrer Biographie geschmiert habe, ebenso wie die aus Sierra Leone stammende Michaela DePrince, Coryphée beim Het Nationale Ballet Amsterdam.

          Mit der Inszenierung ihrer Person würde Copeland die Leistungen wirklicher Pionierinnen ausradieren, was in der Black Community nicht gut ankomme, verbreitet Dorion Weickmann ein Ressentiment ohne nähere Angabe der Urheber. Die Schreiberin findet die Skepsis, dass Copelands Beförderung nur ein PR-Kniff der Compagnie war, um ein anderes, schwarzes Publikum anzuziehen, berechtigt. Ohne mit einem Wort auf die Leistungen von Misty Copeland einzugehen.

          Das ist schon perfide: wenn es Schwarze im Tanz so schwer haben voranzukommen, wie es der Artikel nahelegt, ihnen vorzuwerfen, dass sie ihre Karriere planen und Werbung in eigener Sache treiben. Wer solche Fürsprecherinnen hat, braucht keine Feinde mehr. Hätte man Margot Fonteyn, Marcia Haydee oder Sylvie Guillem vorgeworfen, dass sie sich sehr gut darzustellen wussten? Wohl kaum, und die Fans liebten den Kult um ihre Stars.

          Afrika in Europa

          Schon lange vor Misty Copeland waren in vielen Compagnien dunkelhäutige Tänzerinnen und Tänzer engagiert, in den Vereinigten Staaten und in Europa, wenn auch bis heute zahlenmäßig unterrepräsentiert und auch nicht immer ganz oben in der Hierarchie des Ensembles angesiedelt. Liegt das an den Vorurteilen der Ballettdirektoren, die sich keine Schwarze als Julia, Tatjana oder Giselle vorstellen können? Wird im Ballett noch ein Naturalismus verfolgt, den die Oper überwunden hat? Dagegen spricht der hohe Anteil brasilianischer, kubanischer und asiatischer Tänzerinnen in den europäischen Compagnien, die den Rollenbildern ja auch nicht entsprechen.

          Der Grund dürfte eher in der sozialen Ungleichheit zu suchen sein; Afroamerikaner verfügen oftmals über ein geringeres Einkommen und können ihren Kindern keinen Ballettunterricht bezahlen. Und selbst wer es an eine Ballettschule schafft, muss damit rechnen, aussortiert zu werden, weil er den hohen Leistungsanforderungen und auch dem Körperideal des Balletts nicht entspricht, was im Übrigen für fast alle Menschen aller Hautfarben gilt.

          Der Kubaner Carlos Acosta mit Marianela Nunez als „Diana únd Actaeon“ in London
          Der Kubaner Carlos Acosta mit Marianela Nunez als „Diana únd Actaeon“ in London : Bild: Picture-Alliance

          Um Ballett zu lernen, bedarf es einer Schule - und davon gibt es in Ländern mit Balletttradition eben mehr als auf dem afrikanischen Kontinent. Aus Indien oder der Türkei stammende Tänzer findet man ebenfalls kaum auf europäischen Bühnen, der Grund dürfte derselbe sein. Helge Letonja, Choreograph und Leiter des in Bremen ansässigen „steptext dance projects“, arbeitet seit vielen Jahren in Afrika und mit afrikanischen Tänzern in Europa.

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