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Schwangerer Hitler in Peking : Wenn das der Mao wüsste!

  • -Aktualisiert am

Das Grauen hat keine Chance gegen das Gelächter der sarkastischen Übertreibung: Das Theaterstück „Hitlers Bauch” von Meng Jinghui Bild: Mark Siemons

Seine Schwangerschaft stellt sich am Ende als Blähung heraus, die bloß einen Furz gebärt: Ein merkwürdiges Theaterstück und eine noch merkwürdigere Folklore machen in Peking aus Hitler eine phantastische Gestalt.

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          Hitler als Taichi-praktizierender chinesischer Rentner mit dem Vogelkäfig an der Hand, Hitler beim Rock ’n’ Roll mit Eva Braun, Hitler schwanger: All das ist im Pekinger „Pionier-Theater des Ostens“ unweit der zentralen Einkaufsmeile Wangfujing zu sehen, aufgeführt von Meng Jinghui, einem der bekanntesten Bühnenregisseure Chinas. Doch zur Annahme, dass Peking jetzt die Berliner Volksbühne in punkto subversivem Trash womöglich überholt, besteht kein Anlass. Hitler kommt in Mengs jüngstem Stück „Hitlers Bauch“ als historische Gestalt nämlich eigentlich gar nicht vor; von Ideologie und Verbrechen ist hier überhaupt keine Rede. Es geht bloß um sein Logo – den Schattenriss mit Haartolle und Bärtchen, dessen Projektion das Bühnenbild abgibt, die Uniform, das Rumgebrülle –, und vor dieser Folie werden dann launige Scherze mit der chinesischen Gegenwart getrieben: Hitler als kurioser Ausländer, den immerhin jeder kennt.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Bevor der Stehgreif-Komödiant Liu Xiao Ye die Bühne betritt, werden Filme von Luftangriffen auf Berlin gezeigt, und zwei junge Männer verlesen Nachrichten aus den letzten Tagen des Weltkriegs. Doch dann kommt der Entertainer und sagt: „Nehmt das jetzt nicht so ernst, ich will mich nur mit euch unterhalten“. Bald hat er das Publikum – junge Angestellte in sommerlicher Garderobe – so weit, dass es sich vor Lachen schüttelt über seine Alltagsfrotzeleien („Alles ist heute stabil, die Wirtschaft ist stabil, die Preise sind stabil, am stabilsten aber sind die Gehälter“). Es ist alles so wie immer im traditionellen Pekinger Improvisationstheater, doch dann wird der Conférencier plötzlich zu Hitler: Er schlüpft in eine Uniform, ruft auf Deutsch irgendeinen Parteitag aus und lässt sich von zwei jungen Tänzern den Hitlergruß entbieten. Später schlüpft der Komödiant auch noch in das Kostüm Charlie Chaplins, der in diesem Stück von Hitler nach dem Film „Der große Diktator“ in den Führerbunker eingeladen wird und ihm dort Zukunftsszenarien vorspielt, die alle im Selbstmord enden. Zwei metrosexuelle Wehrmachtsoldaten ziehen in eine Schlacht, die eher einem Liebesreigen gleicht, zwischendurch immer wieder Tanzeinlagen, und Hitlers Schwangerschaft stellt sich am Ende als Blähung heraus, die bloß einen Furz gebärt. Vor dem Suizid bittet Hitler seine Getreuen, ihn den Chinesen als Schweinefleisch zu verkaufen.

          Die Weltmacht mit China teilen

          Der Autor bezeichnet das alles als Groteske, als eine Persiflage auf die Geschichte, und vielleicht spielt ja sogar der Versuch eine Rolle, sich im historischen Gewand über die eigene diktatorische Gegenwart lustig zu machen. Doch das Niveau, auf dem die Geschichte da als Vorlage benutzt wird, ist so fernab jeglicher Analyse und Kritik, dass man sich unweigerlich fragt: Wie ist das möglich? Wie ist es möglich, dass sich im Peking des Jahres 2011 ein in intellektuellen Kreisen angesehener Regisseur in solcher Weise der Welt des zwanzigsten Jahrhunderts nähert, und wie ist es möglich, dass weder in diesen Kreisen noch andernorts irgendjemand etwas dabei zu finden scheint?

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