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Schostakowitsch-Tage : Ein Mann voll Angst schreibt Mutmacher

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Gidon Kremer war schon zum dritten Mal bei den Schostakowitsch-Tagen zu Gast. Bild: Matthias Creutziger

Dmitri Schostakowitsch fraß seinen Weltschmerz in sich hinein, aber als Komponist und Arrangeur wusste er aus gutem Handwerk echte Kunst zu machen. Bei den Schostakowitsch-Tagen, diesmal in Hellerau, gab es wieder Ur- und Erstaufführungen.

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          Schon Ort und Zeit für die insgesamt sieben Konzerte geben zu denken: Nur kurz nach dem achtzigsten Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion fanden die Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch im Festspielhaus Hellerau statt, wo bis 1992 die Sowjetische Armee residierte und wo vor 1945 Polizeieinheiten gedrillt worden waren, die gewiss keine freiheitliche Grundordnung zu verteidigen hatten. Ein produktiver Kontrast zur Kunst, die nun hier zu erleben war.

          Verursacht hat den Umzug an den Stadtrand von Dresden die noch immer schwer kalkulierbare Entwicklung der Pandemie. Im idyllischen Gohrisch in der Sächsischen Schweiz war eine verlässliche Planung bis vor Kurzem noch nicht möglich. So fehlte der Bezug zum schaffensbiographischen Ort, an dem Schostakowitsch 1960 sein achtes Streichquartett komponiert hatte.

          Die Sächsische Staatskapelle als fester Kooperationspartner steuert alljährlich ein Sonderkonzert bei, diesmal im Dresdner Kulturpalast unter der versierten Leitung von Vladimir Jurowski und mit dem kongenialen Leonidas Kavakos als Solist im ersten Violinkonzert, das aus ideologischen Ängsten lange Zeit in der Schublade verwahrt bleiben musste. Das Stück klang damals, 1948, auf dem Höhepunkt stalinistischer Formalismus-Tribunale, nicht „positiv“ genug, und noch heute spürt man darin einen Weltschmerz, der sich resignativ nach innen richtet. Just diese Dramatik innerer Verzweiflung findet sich – mitunter geradezu episch – in vielen Streichquartetten von Schostakowitsch. Fünfzehn hat er geschrieben, da könnte man meinen, im zwölften Jahrgang der Schostakowitsch-Tage wären die hier alle schon mindestens einmal gespielt worden. Doch allein an diesem Juni-Wochenende gab es fünf Quartette zum ersten Mal bei diesem Musikfest.

          Darüber hinaus aber waren, was viel erstaunlicher ist, wieder zahlreiche deutsche Erst- und sogar Uraufführungen im Programm zu erleben. Zu verdanken ist dies der akribischen Arbeit im Moskauer Schostakowitsch-Institut, wo die Musikwissenschaftlerin Olga Digonskaja immer wieder kleinere und größere Schätze zutage fördert, die bislang ungehört gewesen sind. Darunter Fingerübungen aus Studententagen ebenso wie kriegsbedingt entstandene Romanzen und Lieder, die Schostakowitsch nach Vorlagen von Bizet, Rossini, Mussorgski sowie von sowjetischen Komponisten für Violine, Cello und Gesangsstimme arrangiert hatte. Unterhaltsame Mutmacher und propagandistische Kampflieder, die nun erstmals in Deutschland zu hören gewesen sind und seinerzeit zumeist durch sogenannte Konzertbrigaden von militärischen Lastwagen herab gesungen worden sind, um Leningrads Frontkämpfer zu stärken. Neben solcher Gebrauchsmusik war Schostakowitsch nahezu ständig auf der Suche nach neuen Opernstoffen und wurde beim Italiener Gaetano Braga fündig, dessen Serenade „Der Engel Lied“ ein ähnliches Thema aufgreift wie Anton Tschechows Novelle „Der schwarze Mönch“. Darauf basieren Skizzen zu einer gleichnamigen Oper, die Schostakowitsch aber nicht weiterverfolgte. Die Fassung für zwei Singstimmen, Violine und Klavier zeigte, wie weit diese Skizzen gediehen sind. In ihnen steckt durchaus dramatisches Potential.

          Als veritable Uraufführung ist Schostakowitschs Bearbeitung von Ludwig van Beethovens Klaviersonate c-Moll („Pathétique“) für Streichorchester vorgestellt worden. Interpretiert von der aus der Dresdner Staatskapelle rekrutierten kapelle 21 unter der Leitung ihres einstigen Kontrabassisten Petr Popelka, der längst als Dirigent für Furore sorgt, klang das Adagio cantabile überhaupt nicht mehr nach arrangierter Klaviermusik, sondern entfaltete die Wucht der „Egmont“-Ouvertüre. Auch als Bearbeiter war Schostakowitsch ein Perfektionist.

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          Drei Fugen für Klavier solo, die noch gar nicht ins Werkverzeichnis aufgenommen worden sind, sowie frühe Klavierstücke und ein Scherzo op. 1a waren 2020 anstelle der pandemiebedingt ausgefallenen Schostakowitsch-Tage in einem kleinen Online-Festival gestreamt worden (F.A.Z. vom 7. Juli 2020). Jetzt konnten sie erstmals live vor Publikum aufgeführt werden und zeigten virtuose Verspieltheit sowie frühes Formbewusstsein des Komponisten, wobei auch Bezüge zu Bach und Debussy nicht zu überhören sind. Dmitri Maslejew stellte diese furiosen Arbeiten vor, Julianna Awdejewa ergänzte das Programm mit präziser Raserei in Schostakowitschs einsätziger erster Klaviersonate op. 12 sowie mit den ebenfalls noch nie öffentlich aufgeführten Präludien und Fugen. Ein spätes Präludium wurde durch Krzysztof Meyer vervollständigt und um eine Fuge ergänzt.

          Skeptiker mögen fragen, ob wirklich jede Studienarbeit öffentlicher Vorstellung würdig ist, doch Olga Digonskaja zeigte sich überzeugt, „dass jede einzelne Note, die dieser Komponist geschrieben hat, es wert ist, aufgeführt zu werden“. Weil die Leiterin des Moskauer Schostakowitsch-Archivs schon in den vergangenen Jahren wichtige Fundstücke und Ausgrabungen zur Ur- oder Erstaufführung nach Gohrisch gegeben hat, wurde sie nun mit dem Internationalen Schostakowitsch-Preis geehrt. Ihre Arbeit werde sie fortsetzen, zumal das Archiv gewiss weitere Entdeckungen berge: ein Anreiz für künftige Schostakowitsch-Tage, die dann wieder in Gohrisch stattfinden sollen.

          Der Ausflug nach Hellerau war jedoch mehr als ein bloßer Ersatz. Eine enorme Intensität stellte sich an diesem Ort ein. Wie etwa vom Quatuor Danel das zweite und fünfte Streichquartett von Schostakowitsch schier skulptural herausgefeilt wurde, überaus genau, aber ohne akademisch zu wirken, das bewies Leidenschaft und Sachkenntnis zugleich. Wie das legendäre Borodin-Quartett war das Quatuor Danel nun schon mehrfach beim Festival zu Gast. Das Borodin-Quartett, das früher noch mit Schostakowitsch selbst gearbeitet hatte, kam in teils neuer Besetzung, die noch Feinstimmungsbedarf hat, um die eigene Historie fortzuschreiben. Der Geiger Gidon Kremer, zum dritten Mal dabei, zeigte sich dankbar, dass neben Schostakowitsch auch dessen Freund Mieczysław Weinberg wieder zu seinem Recht kam.

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