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Schönberg-Oper in Amsterdam : Woldemar trägt Bühnenhaar

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Auf Taubenjagd: Burkhard Fritz als Woldemar in den Amsterdamer „Gurreliedern“ Bild: Ruth Walz

Szenisch groß entdeckt: Arnold Schönbergs „Gurrelieder“ sind an der Amsterdamer Oper zu sehen. Ein großer toter Goldfisch taucht darin auf, ein Bonsai entblättert sich und etliche verhungerte Pferde liegen herum.

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          Die Ruinen von Schloss Gurre, wo im Jahr 1375 König Woldemar IV. starb, genannt Atterdag, kann man heute noch besichtigen. Eine malerische Touristenattraktion. Doch die wilde Jagd reitet nicht mehr. Und die grimmigste der vielen grimmigen Geschichten, die man diesem dänischen Erobererkönig später in die Reiterstiefel schob, widerfuhr auch gar nicht ihm selbst, vielmehr seinem Ahnherrn Woldemar I. zweihundert Jahre zuvor: Des Königs Mätresse, genannt Tovelille (Kleine Taube), wird auf Schloss Gurre auf Geheiß der eifersüchtigen Königin Helvig ermordet. Woldemar erklärt daraufhin Gott den Krieg, wird naturgemäß verdammt, bis ans Ende aller Tage nächtens mit seinem Heer auszureiten, auf der ewigen Suche nach Tove. Und wer ihnen begegnet, muss mit.

          Insgesamt zwölf Jahre brauchte Arnold Schönberg, um nach diesem Legendenstoff seine „Gurrelieder“ zu komponieren. Er hatte das 1899 recht bescheiden begonnen. Erst sollten nur einige Klavierlieder auf die Verse des romantischen dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen entstehen. Alsbald wuchs und erweiterte sich das Projekt, bis am Ende ein wahres Musikgebirge dastand, ein Oratorium für Soli, Chöre und hundertfünfzigköpfiges Riesenorchester, volltönend und melodiensatt, ausufernd, voller Paradoxien. Mit Solonummern darin, die so lakonisch-transparent, privat und duftig wirken wie die „Pelléas“-Musik von Debussy, und martialischen Chornummern, so krachend-schwül wie der Walkürenritt von Wagner.

          Die Uraufführung dirigierte 1913 Franz Schreker, der selbst etliche großrahmig-spätromantische Opern hinterlassen hat. Schönberg, der sich inzwischen längst von der Tonalität verabschiedet hatte und entsprechend umstritten war, heimste für seine scheinbare Regression einen Erfolg ein, der ihm selbst nicht geheuer war. Und schon früh kam er, kamen auch andere auf die Idee, dass diese „Gurrelieder“ vielleicht auf die Opernbühne umgetopft werden könnten. Jetzt, über hundert Jahre später, wurde dieser alte Traum im Opernhaus in Amsterdam Wirklichkeit. Dazu mussten ein paar Reihen aus dem Parkett entfernt werden, um Platz für das gigantische „Gurre“-Orchester zu schaffen. Der Graben ist so hochgefahren, dass allein dieses blitzende Theater der Instrumente reichlich Attraktion fürs Auge bietet.

          Mit Taubenflügeln und Todesengeln

          Das Nederlands Philharmonisch Orkest spielt unter Leitung seines Chefdirigenten Marc Albrecht mit einer solchen Wucht und Wärme, zugleich mit selbstverständlich fließender Leichtigkeit und vorwärtsdrängender Dynamik, als wäre das verrückte Stück nur eine leichte Fingerübung und kein Ritt über den Bodensee. Die Sänger haben damit ihre liebe Not. Normalerweise stehen sie bei den „Gurreliedern“ im Konzert vor dem Orchester. Diesmal müssen sie auf der Bühne agieren, dahinter, darüber. Es bleibt also nicht aus, dass die Stimmen vom Orchesterklang zugedeckt werden. Doch es gehört zu den Überraschungen dieses Abends, wie selten das geschieht. Keiner gerät unter Druck, niemand brüllt. Eine zweite Überraschung sind die Intimität und Dichte der musikalischen Darstellung.

          Der Tenor Burkhard Fritz ist vielleicht kein strahlender Jung-Siegfried mehr. Doch für die brünstige Woldemar-Schwärmerei in den mitternächtlichen Liebesszenen, für die Tobsuchtsausbrüche und verzweifelten Visionen bringt er Kraft und Charisma im Überfluss mit. Wenn dieser handfeste Woldemar zu träumen beginnt („Mit Toves Stimme flüstert der Wald“), dann wird die altertümelnde Lyrik zu purer Dramatik. Bezaubernd Emily Magee als Tove, bezwingend Anna Larsson mit ihrer Klage der Waldtaube. Und auch der Bauer und der Narr, die im dritten, dem Buffo-Teil, von den fugierten Männerchören der wilden Jäger einfach über den Haufen gesungen werden, sind mit Markus Marquardt und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke gut besetzt.

          Der Regisseur Pierre Audi, Hausherr der Nederlandse Opera, erzählt die ganze, bunte Geschichte einerseits in den Kostümen der Vorweltkriegsjahre, mit k.u.k. Uniformen, Doppelripp-Unterwäsche, seidenen Schlafröcken und einer Bar namens „The Wet Horse Inn“; andererseits in den fahlen Märchenfarben einer Jugendstillegende, mit Taubenflügeln und Todesengeln. Er hat dazu auch die Sprechpartie aufgewertet, die von Schönberg erst ganz am Schluss der „Gurrelieder“ als Melodram implantiert wurde, um ein glückliches Ende herbeizuführen.

          Die Sonne wie eine Papierblume

          Sunnyi Melles, verkleidet als Operetten-Conferencier, hat hier das erste Wort, sitzt an der Rampe, als wär’s ein Bootssteg, kreuzt Bein mit Bein und sagt ein Jacobsen-Mantra-Gedicht von wachsenden Schatten auf. Dann kräuselt sich der Batikbühnenvorhang, wird durchsichtig, man sieht die Ruinen der Halle von Schloss Gurre, wo die Liebenden im Himmelbett von sich selbst träumen. Schilf wächst zwischen den Säulen, herbstlich verfärbte Bäume blicken durch zerschlagene Fensterscheiben, Schatten wachsen an hohen Wänden. Es seien, hatte Arnold Schönberg einst zu bedenken gegeben, seine „Gurrelieder“ eigentlich „eher eine lyrische als eine dramatische Musik“. Und weiter meinte er, es müssten diese Gedichte doch „eine ganz andere Art von Dialog darstellen. Es würde ja doch eigentlich unmöglich sein, dass immer eine Person ihre Arie zu Ende singt und die andere dabeisteht und ins Leere hineinschaut. Wie das gemacht werden soll, wüsste ich ja gar nicht.“

          Der Regisseur weiß es auch nicht immer. Audi lässt die Figuren, wenn sie lange nichts zu singen haben, oftmals ulkige Verrenkungen oder überflüssige Gänge tun. Aber die langen Orchesterpassagen überbrückt die Regie eindrucksvoll mit allerhand apokalyptischen Phantasmagorien, und so kann man getrost sagen: Experiment geglückt, Schönbergs erste Oper entdeckt. Ein großer toter Goldfisch taucht darin auf, ein Bonsai entblättert sich, etliche verhungerte Pferde liegen herum, eine Trauergesellschaft marschiert durchs Bild.

          Alarmierend die Massenszenen, in denen auch die Musik Schönbergs schon so fürchterlich nach dem großen Weltkrieg riecht, der drohend vor der Tür steht. Am Ende wird Woldemar doch erlöst. Die ewige gute Mutter Sonne geht auf, sieht aus wie eine von Kindern gefaltete Papierblume und leuchtet uns mit diatonischer Chormachtfülle in alle Winkel des Herzens.

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