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Schnitzlers „Weites Land“ in Wien : Die dunklen Lichtspielliebesgeister

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Dörte Lyssewski in der Rolle der Genia räkelt sich lüstern albträumend in grauem Licht Bild: Georg Soulek / Burgtheater

Im Burgtheater macht Alvis Hermanis aus Arthur Schnitzlers „Weitem Land“ einen finsteren Bezirk. Hier hausen nicht die Wiener Dekadenzler von 1911, sondern die triebhaft düsteren Heroen des Film Noir.

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          Zwei Pistolenschüsse. Hinter der Szene. Außer Hörweite. Zu Beginn. Und zum Schluss. Zwei Tote. Dazwischen jede Menge Gefühlsleichen. Genia Hofreiter, Gattin eines Glühbirnenfabrikanten und global brutalen Welterleuchters, muss damit leben, dass ein junger russischer Weltklasse-Pianist, den sie nicht in ihr Bett ließ, deshalb sich selbstmorden ging (der erste Schuss). Der Gatte macht ihr Vorwürfe: Sie hätte den Pianisten, der so toll Chopins cis-Moll-Nocturne spielte, unbedingt erhören müssen, meint er. Also muss sie auch noch mit einem Gatten leben, der sie zum Ehebruch förmlich drängt. Der Gatte hat ein Verhältnis mit Adele, der Frau seines Bankiers namens Natter, der ihn in der Hand hat und ihm hohnlachend ein Duell verweigert. Dann mit Erna, der Freundin seines besten Freundes, eines Arztes. Hofreiter nimmt, was er kriegen kann. Am Ende nimmt er seiner Frau den jungen Liebhaber weg, einen Marinefähnrich, zu dem sie sich endlich durchrang, Sohn ihrer besten Freundin: im Duell (der zweite Schuss). Aus einer Laune - „offenbar hat's mir so beliebt“ - des Alternden, der den „frechen, jungen Blick“ des Jungen nicht ertrug, der ihm sonst völlig gleichgültig war: „Aber man will doch nicht der Hopf sein.“

          Das Ganze trägt den Titel „Das weite Land“ und ist ein Meisterwerk des Dr. Arthur Schnitzler (Arzt zuerst, dann Dichter) aus dem Jahr 1911. Der Hoteldirektor Aigner, längst von aller Familie geschiedener Vater des jungen Marinefähnrichs, den Herr Hofreiter am Ende niederduelliert, meint einmal, die Seele sei halt ein weites Land, in dem vieles Platz habe, „Liebe und Trug . . . Treue und Treulosigkeit . . . Anbetung für die eine und Verlangen nach einer andern oder nach mehreren“; alle Ordnung darin sei etwas Künstliches, das einzig Natürliche das Chaos. Aigner lügt. Wie alle Hoteldirektoren. Von Seele keine Spur. Niemand hat im „Weiten Land“ auch nur irgendeine Art von Seele. Dass sie eine hätten, war ein lange währendes Missverständnis auf den Bühnen. Dass sie keine haben, hat zum ersten Mal Andrea Breth in ihrer ingeniösen Salzburger Festspielinszenierung von 2002 entdeckt: Sie sah Gespenster, Untote, spukende Diesseits-Egoisten aus dem Jenseits. Zwischen gläsernen Welt-Wänden. Eine Gesellschaft in geisterhaftem Weiß.

          Jetzt, im Wiener Burgtheater, wo Alvis Hermanis den Schnitzler inszeniert, tragen die Geister alle Grau: die Männer Hüte, Hosenträger und Krawatten, die Frauen lange, fließende Kleider oder Röcke über hochhackigen Schuhen und unter langen, in kunstvollen Wellen und Rollen ondulierten Blondhaaren. Durch graue, mit grauen Jalousien geheimnisvoll verhängte Fenster kündigen sich immer nur drohende Schatten, nie Menschen an. Vorhänge wehen. Auf einem grauen Diwan räkelt sich angstvoll sich sehnend und offenbar lustvoll albträumend Genia, die dunkelgraue Rosen im Arm hält, die ihr später entgleiten und an denen sie sich den Finger blutig sticht: Träumt sie vom Pianisten? Oder von ihrem Mann? Dazu dunkel fahle Streicher, schrill gedämpftes Blech, raschelwischendes Schlagwerk. Das Licht fällt in Schlagschatten in den Raum. Gleich wird etwas Unerhörtes passieren. Ein Mord womöglich. Aber es passiert nichts. Die Seele, die sowieso keiner hat, ist hier kein weites Land. Sie ist ein krimineller Bezirk. In dem alle Verbrechensmöglichkeiten nur in der bösen, stickigen Luft liegen.

          Es ist die staubpartikelgeschwängerte Luft eines Lichtspiels, eines Film Noir der vierziger oder fünfziger Jahre, in die hinein Dörte Lyssewski als Genia ihre kalt erhitzten Blicke förmlich bohrt - mit der raffinierten Pedanterie einer Lüsternheit, die sich als Unschuld tarnt, aber jeden Dreck am Stecken noch als Tugendeis am Stiel verkauft. In einer tiefgekühlten Treibhausatmosphäre. Man wartet förmlich, dass die Tür aufgeht und Sam Spade oder Philip Marlowe hereinstiefeln und die Dame ins Verhör nehmen (nicht ohne fünfzig Kronen für Spesen abzurechnen), so à la: „Lady, Sie sollen nichts mit dem Pianisten gehabt haben?“ Die Ko-Autoren Schnitzlers scheinen hier, nicht was den Text, allein was die Atmosphäre angeht, Dashiell Hammett oder Raymond Chandler, John Huston oder Howard Hawks zu sein. Und ein Humphrey Bogart wäre jetzt an der Reihe, sich über die Rosenräkelnde herzumachen, wenn das eine Lauren Bacall und nicht die Dörte Lyssewski wäre.

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