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Schlingensiefs „Operndorf“ : Das Schreien war nicht die Kunst selbst

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Darin liegt eine Grundsatzkritik an institutionellen Gewissheiten, die ihn durchaus mit dem Gesamtkunst-Erneuerer Wagner verband. Denn Schlingensief zielte leidenschaftlich aufs Ganze und setzte sich in immer neuen Selbstversuchen aufs Spiel. Es war ihm aber, bei allem Witz und Schlawinertum, unbedingt ernst. Inzwischen wird deutlich, was dem kulturell-medialen Komplex fehlt, seit er fehlt: gerade nicht der Spaßmacher, sondern der Ernstmacher.

Pierre Boulez nahm ihn an die Hand

Bereits während der Arbeit am Bayreuther „Parsifal“ war Afrika für den Regisseur zum Fluchtpunkt geworden. Zunächst beschallte er Namibia mit Wagner-Musik und fand seine Gralsburg dort. Über Afrika führte für ihn der Weg zur „Rückgewinnung unserer Kreativität“: „Es geht um die Entkernung unseres Kulturkomplexes, wie wir ihn hegen und pflegen, und um die Besinnung auf das ursprünglich größte Kunstwerk aller Zeiten: das Leben und seine Entfaltungsmöglichkeiten.“

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Dass diese Entdeckung für den Künstler Schlingensief zusammenfiel mit der Gewissheit, das eigene Leben verlieren zu müssen, hat ihn empört. Er glaubte, es sei die Beschäftigung mit dem „Parsifal“ gewesen, 2004 in Bayreuth, die seinen Körper dem Krebs ausgeliefert habe. Als nach dem letzten Bild, dem zu Wagners „Erlösung dem Erlöser!“-Musik projizierten Film eines verwesenden Hasen, die erwartbaren Wut-Stürme über den Opernanfänger Schlingensief hereinbrachen, geriet dies zu einem der bleibenden Momente in der Festspielgeschichte: Der gerade noch gefeierte Pierre Boulez trat demonstrativ gemeinsam mit Schlingensief vor den Vorhang und nahm ihn bei der Hand.

Boulez wird sich erinnert haben an die Aufregungen nach Chéreaus „Jahrhundertring“ 1976. Auch damals hatte man sich erregt über einen angeblich respektlosen Umgang mit Wagner. Schlingensiefs den Rahmen jeder „Interpretation“ sprengender „Parsifal“ verstörte vor allem diejenigen, die überall immer nur Provokation sehen wollten. Dabei hat sich kaum je ein Regisseur so rückhaltlos auf Wagners finster-heillose Theater-Theologie der blutenden Wunden und des Mitleids eingelassen. Dies - und nicht die nach außen getragenen Querelen über Schlingensiefs Arbeitsweise - war der Festspielleitung wohl derart unheimlich, dass sie die Inszenierung schon 2007 aus dem Programm nahm. Dass es von dieser außerordentlichen Aufführung keine Dokumentation gibt, bleibt ein Jammer. Jetzt kann sie nur noch Legende werden.

Den Faxen schaute man gerne zu

Christoph Schlingensief suchte das Ungesicherte, das Dunkle zwischen den Bildern, als Aktionskünstler, Film- und Theatermann, auch in seinen Hörspielen, die (seit „Rocky Dutschke, 68“ von 1997) für den WDR entstanden und für die er die zu Lebzeiten größte Anerkennung erfuhr. Gerade da, wo er seine Wurzeln sah, im Film, hatte er es hingegen am schwersten. Doch wie auch immer: Hier wütete ein Radikaler, der mit allen Mitteln aufs Ganze zielte. Das machte den Schritt nach Bayreuth so logisch wie wundersam. All sein Rennen und Schreien, das Entblößen des Privaten waren Mittel zur Herstellung von Aufmerksamkeit für die Sache.

Zur Tragik des Künstlers Schlingensief gehörte aber auch, dass das Schreien, Rennen und Entblößen von den Medien, die nichts anderes kennen, für die Sache selbst genommen wurde, seine Kunst aber übersehen. So wurde er zum Provokateur und Faxenmacher verkürzt. Den Faxen schaute man gern zu, um den bereitwillig mitentfachten Schlingensief-Rummel dann irgendwie oberflächlich zu finden. Es ist nur der andere Flügel dieses Diptychons der Verkehrtheit, wie dann sein beklommen verfolgtes öffentliches Sterben den Blick für die Kunst wieder abgleiten ließ: Seinen letzten Oratorien über den eigenen Tod wurde von der Kritik reihenweise die differenzierte Einlassung verweigert mit dem Hinweis, darüber lasse sich nicht mehr schreiben.

Mit dem Erlös einer guten Million aus der „Auktion 3000“ wird das „Operndorf“ in Ouagadougou jetzt zum Nachbild einer im Kulturbetrieb einzigartigen Künstlerexistenz, die sich immer gut eignete für Projektionen aller Art. Er liebte es, mit den Medien zu spielen, und war eine Lieblingsfigur der Medien. Stur sahen sie an dem vorbei, worauf Schlingensief, schreiend und rennend und am Ende immer verzweifelter, zeigte. Jetzt wird es sichtbar - als Leerstelle.

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