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Schlingensiefs Afrika-Projekt : Weit und breit keine Oper

  • -Aktualisiert am
Horst Köhler ist zu Gast

Köhler, der einen Sonnenhut trägt und trotz der Hitze schwarze Strümpfe, steigt aus einem der Wagen, schüttelt im Gehen Hände, steht schon nach kurzer Zeit im Klassenraum, in dem sich die Schüler flugs an ihre Bänke gesetzt haben, hört sich das Lied an, alle strahlen sich an. Beim anschließenden Rundgang übers Gelände stellt er viele Fragen, ob zum Bau ausschließlich lokale Materialien verwandt wurden (ja), ob die Arbeiter aus der Gegend stammen (ja), bekommt die fertigen Gebäude und das Fundament der Krankenstation gezeigt, wird den Häuptlingen vorgestellt, scheint insgesamt sehr interessiert und angetan. Höhepunkt seines Besuchs bildet die offizielle Einweihung des neuen Fußballplatzes. Unter der langsam milder werdenden Sonne des späten Nachmittags liefern sich die Schüler ein rasantes Match. Kurzes Gruppenfoto mit Präsident a. D. und beiden Mannschaften, dann rauscht Köhler mit seiner Entourage wieder ab, die Blaulichter verlieren sich schnell in der roten Landschaft.

Lebenserwartung bei 52 Jahren

Zurück in der Hauptstadt, erfahre ich am selben Abend, dass es in diesem Land für Besucher nicht ganz ungefährlich ist. Auf dem Rückweg vom Restaurant ins Hotel - belebte Gegend mitten in der Stadt, aber eben auch die Gegend, in der sich die Hotels für die Touristen befinden - wird mir von zwei Männern auf einem Moped die Handtasche entrissen. Dass ich sie extra auf der von der Straße abgewandten Seite trage, nützt nichts - das Moped nähert sich von hinten auf dem Gehsteig, als ich das Motorengeräusch höre, ist es zu spät, geben sie schon Gas, und weil ich aus einem dummen Reflex nicht gleich loslasse, werde ich noch mehrere Meter über den Boden mitgeschleift, bis, endlich, der Träger reißt und sie mit meiner Tasche entkommen. Doch im Vergleich dazu, was wenig später passieren soll, habe ich, die ich nur Schürfwunden davontrage, unendlich viel Glück gehabt.

Selbe Straße, ein Abend später: Der Mitarbeiter der Grünhelme, eine Frau aus dem Operndorf-Team und eine weitere Frau finden sich auf einmal von mit Messern bewaffneten Männern umringt. Den genauen Tathergang kenne ich nicht, doch es endete damit, dass der Grünhelme-Mitarbeiter ein Messer in den Rücken bekam. Er wurde noch in derselben Nacht notoperiert, verlor ziemlich viel Blut, doch es geht ihm den Umständen entsprechend gut.

Burkina Faso ist eins der ärmsten Länder der Welt. Die Lebenserwartung für Männer liegt bei 52 Jahren, fast drei Viertel der Bevölkerung können nicht schreiben und lesen - dass es dort zu Übergriffen gegen reichere Ausländer kommt, ist nicht wirklich verwunderlich. Umso wichtiger ist ein Projekt wie Schlingensiefs Village Opéra. Es geht die wichtigsten Dinge im Leben der Menschen dort an: Bildung, medizinische Versorgung und ein Selbstbewusstsein, das sich aus dem kulturellen Reichtum des Landes speist - und uns endlich andere Bilder aus Afrika liefern kann als die von Armut oder Gewalt. Im Herbst wird die nächste Grundschulklasse eingeschult.

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