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Schlingensiefs Afrika-Projekt : Weit und breit keine Oper

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“Fast alle Bilder, die wir von Afrika kennen, sind von uns gemacht. Es geht darum, das zu ändern. Dass wir endlich die Gelegenheit bekommen, ein anderes Bild von diesem Land zu sehen, eines, das von den Menschen von hier kommt.“ Deshalb wird in der Schule irgendwann auch Film unterrichtet werden, die technische Ausrüstung wird zur Verfügung gestellt, ein Tonstudio gibt es schon. „Ich sehe das Operndorf wie einen Werkzeugkasten, der den Menschen hier zur freien Verfügung stehen soll“, sagt Laberenz. „Da sollen die sich bedienen und ihrer Kreativität freien Lauf lassen können. Kunst ist ja immer auch ein Schutzraum, in dem man Dinge sagen kann, ohne befürchten zu müssen, dass das politische Folgen hat.“

Das Schulgebäude; vorne links sitzt einer der Häuptlinge

Christoph Schlingensief hat unter Kunst immer mehr verstanden als etwas, das dem Zuschauer vorgeführt wird und er bequem konsumiert. Seine Arbeit hatte konkret mit dem Leben zu tun, mit politischen Missständen, sozial Ausgegrenzten und ganz persönlichen Ängsten, als Regisseur leistete er leidenschaftlich und in einer fast kindlichen Offenheit Widerspruch. „Natürlich wusste er, dass es für Diskussion sorgen würde, wenn er den Begriff ,Oper’ in Zusammenhang mit Afrika stellt“, sagt Laberenz. „Er wollte den Blick auf Burkina Faso lenken, ein so kleines, armes Land mit so einem großen kulturellen Reichtum. Es gibt hier die größte Filmszene Westafrikas, das Filmfestival, das alle zwei Jahre stattfindet, ist ziemlich berühmt. Außerdem gibt es eine große Theater- und Tanztradition.“ Was letztlich auf der Bühne im Operndorf passieren wird, weiß sie nicht. „Das Endergebnis ist offen, und so soll das auch sein. Das soll keine Bühne für uns sein, sondern für die Burkinabé, und im besten Fall können wir dazukommen und von ihnen lernen oder gemeinsam, auf Augenhöhe, etwas untersuchen, machen oder diskutieren.“

Kein deutsches Projekt

Es gibt viele, die sagen, Projekte wie dieses seien in Afrika doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein (es ist dann auch immer dieser Ausdruck, der fällt). Um dem Kontinent wirklich zu helfen, müssten ganz andere Sachen geschehen, die Subventionierung europäischer Importe gestoppt werden, damit afrikanische Produkte auf dem heimischen Markt eine Chance hätten und so weiter. Auch wenn das richtig ist, ist es dann falsch, überhaupt etwas zu tun?

Aino Laberenz will das Operndorf nicht als deutsches Projekt verstanden wissen, nicht als Hilfe zur Selbsthilfe, nicht als ein aus einem Überlegenheitsgefühl heraus entstandenes „gutes Werk“. In gewisser Weise ist es das natürlich trotzdem, jedenfalls in seiner Entstehung. Aber wenn alles gut läuft, wird es einmal zu einem Projekt der Menschen aus Burkina Faso. Im Idealfall wird der Staat die Schule irgendwann übernehmen - an den Kosten für die Stromlegung hat er sich schon mal zur Hälfte beteiligt. Um den Kunstunterricht festzulegen, hat Laberenz ein Komitee gegründet, das aus Künstlern aus Burkina besteht; die Männer auf dem Bau kommen aus Nachbardörfern; verschiedene Ministerien sind involviert. Vielleicht lässt sich bei diesem Projekt einfach von deutscher Unterstützung sprechen.

Auf Spenden angewiesen

Als Schlingensief starb, im August 2010, hatte er fürs Operndorf gerade einen Baustopp verhängt. Es hatte mit praktischen, die Bauarbeiten betreffenden Dingen zu tun. Nach seinem Tod stellte sich natürlich die Frage, wie es mit dem Projekt weitergeht. Aino Laberenz sagt, sie habe nur kurz überlegt. Sie habe sich zuerst informieren müssen, was genau es bedeutet, Geschäftsführerin zu sein - ihr eigentlicher Beruf ist Kostümbildnerin. „Ich weiß, wie wichtig Christoph dieses Projekt war, und es aufzugeben war nie eine Option. Auch deshalb, weil ich von den Menschen aus Burkina Faso, die daran beteiligt sind, wirklich sehr darum gebeten wurde, es fortzuführen.“

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