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Schlingensief-Uraufführung in Bremen : Die letzten Taten der Menschheit

Auch Textflächen wollen verkörpert werden: Lisa Guth in der Uraufführung des neuen Stücks von Elfriede Jelinek. Bild: Jörg Landsberg

Ein schräges Oratorium für Christoph Schlingensief: Elfriede Jelineks „Todkrank.Doc“ wird in der Uraufführung am Theater Bremen zum Multi-Media-Spektakel aufgedonnert.

          Auf der nackten, von Nebelschwaden durchzogenen Bühne stehen ein Bildschirm, der zunächst nur zwei helle Lichtpunkte zeigt, und fünf Stative mit Mikrofonen. Eine Männerstimme ist zu hören, aber nicht zu verstehen, mal zwei, drei Worte, mehr nicht; später schält sie sich deutlicher heraus. Es ist Christoph Schlingensief, der da spricht, und auf dem Bildschirm ist jetzt - er könnte es sein - das Foto eines kleinen Jungen zu sehen; verzweifelt und mit den Tränen kämpfend, redet er über die Krankheit, die an ihm zehrt, über die Pläne, die er noch hat, und ob die Zeit dafür noch reicht. Langsam geht das Licht weg.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Aktionskünstler Schlingensief hatte, als bei ihm 2008, zwei Jahre vor seinem frühen Tod, Lungenkrebs diagnostiziert wurde, Elfriede Jelinek um einen Beitrag für seine Ready-Made-Oper „Mea Culpa“ gebeten. Doch verwendet hat er nicht mehr als zwei Zeilen daraus, und so blieb die Uraufführung von „In der Krankheit“ frei, die das Theater Bremen nun mit fünf anderen Texten der Nobelpreisträgerin unter dem Titel „Tod-krank.Doc“ zusammengepackt und nachgeholt hat. Dass sie zusammenpassen, deutet die gemeinsame Präposition in den Titeln zumindest an: „Im Wald“, „In der Maschine“, „In der Krankheit“, „Im Bus“, „Im Keller“ und „In der Hölle“. Die Konfrontation mit dem Tod, der unversehens und unverständlich, unangekündigt oder auch geplant, ins Leben tritt, mit der eigenen Endlichkeit und Vergänglichkeit, ist, durch motivische Verweise und Echos verstärkt, das bestimmende Thema.

          Apokalyptisches Aufeinandertreffen

          Es sind, wie in den letzten Jahren fast immer bei Elfriede Jelinek, keine dramatischen Texte, die sie dem Theater mehr zumutet als anvertraut, sondern Textflächen, die hier zwar noch Punkt und Komma, auch Ausrufe- und Fragezeichen, aber keine lineare Handlung und keine Dramaturgie, weder feste Rollen noch Dialoge haben. Monologisch schweifen sie umher, um mit vielen Wortspielen, naheliegenden wie auch abwegigen, erhellenden oder nur kalauernden, einen stark repetitiven, raunenden Sog zu entwickeln, der sich in biblischen, antiken und nationalen Allusionen ergeht.

          „Im Wald“ hat das Verhältnis von Mensch und Tier, „In der Maschine“ das von Mensch und Technik zum Gegenstand, und „Im Bus“, das schon 2010 in anderem Zusammenhang von Karin Beier am Schauspiel Köln uraufgeführt wurde, handelt von dem Linienbus, der 1994 in München kopfüber in eine U-Bahn-Baustelle kippte. In zwei längeren Texten melden sich namenlose Ich-Erzähler zu Wort: Christoph Schlingensief, der in „In der Krankheit“ den Kampf mit seinem Körper und die Beziehung zu seinem Arzt reflektiert; und Josef Fritzl, der Familienbandenschänder und Triebtäter, der in „Im Keller“ über die Gewaltherrschaft über seine Tochter, die er zu seiner Frau machte, und seine Kinder, die auch seine Enkel sind, räsoniert. „In der Hölle“ führt beide, die Lichtgestalt und den Finsterling, zusammen und an den Rand des Infernos. Kaleidoskop der Katastrophen, Endzeitgefühle und -stimmungen. Die letzten Taten der Menschheit.

          Zeugnis der Unspielbarkeit

          Auch die Reihenfolge der Textblöcke ist offen. So steigt die Bremer Aufführung, von den O-Tönen Schlingensiefs lanciert, mit „In der Krankheit“ ein. Auf fünf Darsteller wird die Partitur verteilt, langsam treten sie, in angefressenen und verschmutzten langen Kleidern, als ins Leben zurückkehrende Tote an die Mikrofone. Kein Wort-Konzert beginnt, sondern eine finstere Messe, in der Hieronymus Bosch und Comic-Strip, Barock-Oper und Techno, Rock, Arien und Schlager, grelles Gegenlicht und Stroboskop, Spruchbänder und Trivialmythen zum bildmächtigen Assoziationsstrom zusammenfließen. Vom Text entlastet, werden den Sprechern große Engelsflügel angesetzt, mit denen sie an Stahlseilen nach oben schweben und von Glasvitrinen eingehaust werden. Die Bühne wird, aber nicht für lange, zum Ausstellungsraum.

          Im Kleinen Haus des Bremer Theaters zieht die Inszenierung von Mirko Borscht, von Cristian Beck (Bühne) und Elke von Sivers (Kostüme) ebenso aufwendig wie von Technik und Requisite gestützt, so ziemlich alle Register, um Elfriede Jelineks dazu ganz unbestimmten Text zum opulenten Multi-Media-Spektakel aufzudonnern. Wo die Autorin den Nagel des kleinen Fingers reicht, nimmt Borscht die ganze Hand und ballt sie zur schlagkräftigen Regiefaust: Nebel und Musik, Blendung und Kreuzigung, Eingeweideschau und Tiermasken, Röntgen- und Ultraschilderbilder, Gabelstapler und eine Geburtsszene mit platzendem Ballonbauch - eine Inflation der Einfälle, die sich im Spiel des disziplinierten siebenköpfigen Ensembles immer wieder verselbständigen. In dem Versuch, den Einschüchterungsgestus der Vorlage zu überbieten, bescheinigt die zweieinviertelstündige Uraufführung von „Tod-krank.Doc“ dem Text von Elfriede Jelinek ebenso paradox wie anmaßend seine Unspielbarkeit.

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