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Uraufführung in München : Auf der Umlaufbahn unseres Selbst

  • -Aktualisiert am

Carolin Conrad und Max Rothbart in „Der Kreis um die Sonne“ am Residenztheater Bild: Foto Birgit Hupfeld

Das Leben mit der Pandemie ist ein Drama, das jeder kennt: Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs „Der Kreis um die Sonne“ am Münchner Residenztheater.

          3 Min.

          Die Atmosphäre: unbeschwert, zuweilen melancholisch. Die Bühne: leer bis auf einen auf die immergleichen, „etwas traurigen“ Akkorde gestimmten Konzertflügel und eine überschaubare Gruppe von Spielern. Dennoch ein Gefühl von Enge im Gedränge. Dann: der Moment, in dem eine Sicherung herausspringt; der Moment, in dem ein Tablett mit Gläsern herunterfällt; der Moment, in dem jemand schon nicht mehr da ist und noch nicht fort. Der Moment der Dunkelheit, des Erschreckens, des Verschwindens – der Veränderung. So wie vorher wird es nachher nie mehr sein.

          „Der Kreis um die Sonne“ ist eine Auftragsarbeit des Münchner Residenztheaters für ein „Stück der Stunde“. Wie ein Planet, der blaue natürlich, um seine Sonne, zieht das neue Drama von Roland Schimmelpfennig seine Kreise um den Moment, der ein Vorher von einem Nachher trennt, das vermutlich wiederum nur der Prolog zu einer noch unbestimmten Zukunft ist. Es sucht nach der individuellen Schwelle zwischen zwei Gefühlen, zwischen zwei Leben – getrennt durch den Ausbruch einer Pandemie. Im Wohlstandssetting einer privaten Party mit multinationalen Gästen – verwickelt in Gespräche über Macht, Sport, Geld, Bienen, Nähe und das Universum, Ping-pong spielend mit Lieblingswörtern und historischen Persönlichkeiten – führt der Autor genau diesen Moment der Verunsicherung aus der Abstraktion, macht ihn greifbar: in Finsternis, Scherben, Abwesenheit, in punktuellen Ereignissen als Stellvertretern einer Veränderung namens Covid-19.

          Keine Angst vor Emotionen

          Denn so funktioniert seine Gegenwartsdramatik, das ist ihr Erfolgsgeheimnis: Die gesellschaftlichen Konflikte, die Schimmelpfennig seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Stücke voller kaleidoskopisch sich um sich selbst drehender Sätze, Monologe und Dialoge verpackt, schildern Momente vor und während, aber nicht nach einer Krise. Interessanterweise untergräbt das aktuelle Thema dieses charakteristische Prinzip. Denn jeder im Zuschauerraum weiß um die Entwicklung der Pandemie und die Ungewissheit ihres Ausgangs, jeder war und ist hier als Protagonist selbst mit dabei.

          So wirken die lose angerissenen, wiederholten, fortgesetzten Gedanken und Geschichten viel weniger rätselhaft als sonst – und bleiben dennoch interessant. Weil sie unaufdringlich nahegehen, zur Identifikation einladen. Keine Angst vor echten Emotionen – denn in liebenswert menschlichem Pragmatismus fängt der Dramatiker sie sogleich tragikomisch wieder auf.

          „Ich hätte gerne deine Hand gehalten“, sagt unter Tränen der junge Mann, der seine Freundin, eine Krankenschwester, direkt nach dem Fest an das Virus verliert, „aber das mochtest du ja sowieso nie.“ „Sag, dass du krank bist“, hatte die Gastgeberin sie gebeten, die Klinik zu belügen, damit sie noch auf der Party bliebe, die das Leben feierte. „Nein, nein, das heb ich mir lieber auf, für wenn ich wirklich mal krank bin“, hatte die Krankenschwester geantwortet. „Vielleicht bist du ja irgendwann der Mann, der den Mann mit dem Tablett bezahlt“, äfft der Mann mit dem Tablett den Mann nach, der sich eben in den Kopf geschossen hat, weil er plötzlich vor dem Nichts stand, „wir sind alle gleich“. Währenddessen zitieren Anwälte Passagen aus der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“, und eine Frau niest, immer wieder. Vielleicht habe sie Fieber, scherzt sie.

          Poetisch, sportlich, kurz

          In der Münchner Uraufführung durch Regisseurin Nora Schlocker, die bereits Mitte November 2020 hätte stattfinden sollen, reichen dem Stück der Stunde achtzig Minuten. Sein wichtigster Protagonist aber ist der schwarze Stutzflügel. Denn statt des vorgesehenen monotonen Stillstands werden die gespielten Akkorde – mal elektronisch, mal durch Gegenstände auf den Saiten verzerrt, mal gezupft und mal als Tinnitustöne isoliert – zum akustischen Gefühlsmetronom. So faszinierend die pandemische Komposition von Nevena Glušica auch ist, so dominant stiehlt das Instrument seinen Mitspielern die Aufmerksamkeit des Publikums, schluckt einige ihrer Texte, die Nuancen ihrer Stimmen, während sie von einer Figur in eine andere gleiten.

          Vor allem Thiemo Strutzenberger, Max Rothbart und Carolin Conrad beherrschen dies feine Spiel zwischen den Tonarten. Zusammen mit Katja Jung, Thomas Reisinger, Yodit Tarikwa, Ulrike Willenbacher und dem Flügel stehen sie vor einem Winkel aus grauem Sichtbeton. Wie einen Paravent der Erzählzeit hat Irina Schicketanz ihn auf die Bühne gewuchtet und eine monumentale Drehtür ausgestanzt, die sowohl Gegenwart hereinlässt als auch, recht unmotiviert, als Notausgang dient, um Platz für zweisame Privatheit zu schaffen.

          Obgleich sie ihr Ziel umkreisen, es einkreisen, ohne dorthin gelangen zu wollen, sind Schimmelpfennigs poetische Textkompositionen sportlich, nicht statisch. Im schnellen Wechsel aus Offensive und Rückzug – in Zeitebenen, Perspek-tiven, Erzählweisen, Stimmungen – fordern sie spielerische Leichtfüßigkeit. Doch noch einmal: Verhandelt wird hier die unmittelbare Realität des Publikums. Deshalb ist Schlockers Inszenierung dort am stärksten, wo sie nicht versucht, schön, funkelnd oder geheimnisvoll zu sein, sondern auf die Bewegungen im Text vertraut.

          Es sei so gut wie unmöglich, Theater im „Jetzt“ festzuhalten, sagt Roland Schimmelpfennig. Mit „Der Kreis um die Sonne“ ist er der Unmöglichkeit so nah wie möglich gekommen und: so nah wie nötig.

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