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Martha Argerich wird 80 : Der liebe Gott als Pianistin

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Es steht ihr ins Gesicht geschrieben: Das Klavierspielen ist ihre Leidenschaft. Die Pianistin Martha Argerich am Piano. Bild: EPA

Sie ist eine der größten Pianistinnen unserer Zeit. Aufgrund ihres hohen Anspruchs an sich selbst, wünscht die Pianistin sich manchmal einen anderen Beruf. Nun wird Martha Argerich achtzig Jahre alt.

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          Das Schwierigste soll leicht klingen und mühelos, die Überwindung aller Widerstände zurückkehren in ein befreites Spiel. Insofern kann die Grazie des Jongleurs Rastelli eine „Schlüsselfigur zur musikalischen Interpretation“ (Theodor W. Adorno) sein. Wer würde für dieses besondere, magische „Mehr können als es können“ leidenschaftlicher bewundert werden als die argentinische Pianistin Martha Argerich? Aber der Beifall ist für sie zur Belastung geworden; er hat sie erkennen lassen, dass im Lob mehr Zudringlichkeit steckt als im Tadel. Sie hadert mit den Hymnen, die auf sie selbst dann angestimmt werden, wenn sie nach eigener Überzeugung schlecht gespielt hat. Doch nach Einschätzung ihrer Bewunderer kann sie, „die größte Pianistin“ der Welt, nicht schlecht spielen. Sie ist dem Druck ausgesetzt, Erwartungen gerecht zu werden, die sie selber geweckt hat: immer so spielen zu müssen, als wandle der liebe Gott als Pianistin auf Erden.

          Wie in einem Abwehrreflex hat sie einmal gesagt: „Ich liebe es, Klavier zu spielen, aber ich mag es nicht so gern, Pianistin zu sein.“ Im Verlauf ihrer langen Laufbahn hat es denn auch, wie bei dem von ihr verehrten Vladimir Horowitz, lange Jahre gegeben, in denen die Virtuosa die Arena der großen Konzertsäle gemieden und weder Konzerte noch Solo-Recitals gespielt hat. Stattdessen hat sie sich mit Freunden, unter ihnen generös geförderte junge Musiker, bei ihrem Festival von Lugano der Kammermusik gewidmet. Ende der neunziger Jahre hat sie den Kampf gegen eine schwere Krebserkrankung gewonnen.

          Das Klavier als Verlobter

          Die in Buenos Aires geborene Martha Argerich, Enkelin jüdischer Immigranten, brachte jene unbegreifliche Gabe mit zur Welt, die Bruno Walter mit dem Paradox „angeborene Technik“ bezeichnet hat. Ihr erster Lehrer war der italienisch-argentinische Pianist Vincenzo Scaramuzza, der sie lehrte, „mit den Fingern zu singen wie Belcanto-Soprane wie Maria Malibran oder Giulia Grisi“. Sie war acht Jahre alt, als sie in Buenos Aires mit Mozarts Konzert in d-Moll KV 466 debütierte. Aber bald schon sperrte sie sich gegen das Drängen des Lehrers und ihrer Eltern, das Klavier als Verlobten zu sehen. Mit vierzehn Jahren ging sie, unterstützt durch die Regierung des Diktators Juan Perón, zum Studium bei Friedrich Gulda in Wien, für sie die „größte Inspiration meiner Laufbahn“. 1960 gelang ihr eine der brillantesten Debüt-Platten überhaupt: Das Allerschwerste – die Staccati, die Akkordbrechungen und die glitzernden Passagen von Frédéric Chopins cis-Moll-Scherzo; die auf beide Hände verteilten Repetitionen auf einem Ton von Serge Prokofjews Toccata; das Oktaven-Gedonner der Sechsten Ungarischen Rhapsodie von Franz Liszt – meisterte sie so, dass man sie früher wohl der Zauberei bezichtigt hätte. Cheerleader des Beifalls war Vladimir Horowitz.

          1961 floh sie aus dem Konzertleben ins italienische Montcalieri (Piemont), um bei Arturo Benedetti Michelangeli zu studieren. Gefragt, was er ihr in den nur vier Lektionen im Verlauf von achtzehn Monaten erteilte, erwiderte der geheimnisumwitterte Perfektionist: „Ich habe eine Menge für das Mädchen getan. Ich habe sie die Musik der Stille gelehrt.“

          Danach hörte sie für eine Zeitlang auf zu spielen, trug sich mit dem Gedanken, als Sekretärin zu arbeiten und heiratete den Komponisten Robert Chen, von dem sie sich kurz vor der Geburt ihrer ersten Tochter trennte. (Zwei weitere Töchter stammen aus der Ehe mit dem Dirigenten Charles Dutoit und dem Pianisten Stephen Kovacevich). Zum Concours Reine Elisabeth, zu dem sie von ihrer Mutter angemeldet worden war, reiste sie 1964 nach Brüssel, trat aber nicht an.

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