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Schauspielkollektiv „Wunderbaum“ : Eisbären auf meeresruhiger Fahrt

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Nach der Recherche auf der Nordsee auf die Bühne in Jena: das niederländische Theaterkollektiv „Wunderbaum“ Bild: F.A.Z.

Unterm Kiel lauert in Jena der Abgrund: Das niederländische Schauspielkollektiv „Wunderbaum“ adaptiert David Foster Wallace’ bitterblinzelnde Kreuzfahrtreportage „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“.

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          Die letzte Nacht auf hoher See, 4 Uhr morgens, Deck 7, vor den Innenkabinen eines Traumschiffs. Auf dem präzise beleuchteten Flur stehen die Koffer der Passagiere zum Abholen bereit, einer hinter dem anderen wie bei einer eingeschlafenen Polonaise. Der da gehört einer Frau, die Dr.-Hauschka-Produkte benutzt und sie immer halbvoll in den Müll wirft. Wenn Petra, das philippinische Zimmermädchen, ihr das Bad putzt, dann drückt sie sich manchmal ein bisschen von der teuren Creme auf den Unterarm und riecht mit geschlossenen Augen am anderen Leben. Zehn Monate am Stück arbeitet sie auf dem Schiff, zwei Monate ist sie bei ihrer Familie. Sie ist eine gläubige Christin, geht, wenn ihr Dienstplan es zulässt, sonntagmorgens zum Gottesdienst und jeden Donnerstag zur Happy Hour in die Crewbar. Was sie verdient, will sie nicht sagen, das W-Lan, das sie zum Skypen nutzt, muss sie selbst bezahlen.

          Der Koffer dort drüben gehört einem Mann, der nachts in seinem Bett liegt und ins Kissen weint. Nach dem Krebstod seiner Frau macht er die Kreuzfahrt jetzt zum ersten Mal allein. Ein halbes Leben lang haben sie zusammen auf Deck 8 im Liegestuhl gesessen, haben die Höhepunkte des Unterhaltungsprogramms ausgewählt und hin und wieder auch einen Abstecher ins Casino gemacht. Jetzt liegt er in seiner Innenkabine und starrt auf den dunklen Fernsehbildschirm. Der große Koffer links ist von einem jungen Paar auf Hochzeitsreise, das seine Kabine immer sehr ordentlich hinterlässt. Selbst das Bett sei gemacht und die Kloschüssel gesäubert, schwärmt Petra. Sie ist eine von vielen Figuren, die dem amerikanischen Schriftsteller David Foster Wallace auf seiner siebentägigen Luxuskreuzfahrt durch die Karibik begegnet sind, die ihm die einsame Kehrseite des kollektiven Entspannungsspaßes vor Augen geführt und ihn in seiner Reportage neben unendlich witzigen auch die düstersten Sätze haben schreiben lassen.

          Klug in Szene gesetzt

          Vor zweiundzwanzig Jahren erschien „A supposedly fun thing I’ll never do again“, ins Deutsche genial übersetzt als „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“: einer der mitreißendsten und klügsten Texte des späten zwanzigsten Literaturjahrhunderts, in dem nicht nur das Sittenbild einer degenerierten westlichen Stress- und Wellnessgesellschaft aufscheint, sondern auch die Verzweiflung eines einsamen Menschen, der nachts mit dem Gedanken kämpft, „einfach über Bord zu springen“. Der Luxusliner als Ort existenzbedrohender Traurigkeit: Von Stanley Kramers Film „Narrenschiff“ bis zu Daniel Küblböck, der vor anderthalb Jahren vom Außendeck der „Aida Luna“ in den eiskalten Atlantik sprang, zieht sich eine Linie, auf der diese Reportage einen zentralen Punkt markiert.

          Das niederländische Schauspielkollektiv „Wunderbaum“, das zum großen Glück der lebendigen Uni-Stadt noch bis 2022 das Theaterhaus in Jena leitet, hat sich im letzten Jahr auf die Spuren von Foster Wallace begeben und eine siebentägige Kreuzfahrt durch die Nordsee gemacht. Dabei hat es wunderbar leerlaufende Szenen vom Alltagsgeschehen an Bord gedreht und ist dort mit einem konsumkritischen Standup-Programm auch aufgetreten, im „Nightfly“ auf Deck 6 – allerdings mit wenig Erfolg. Die Reederei ließ freundlich wissen, das sie von einer weiteren Zusammenarbeit gerne absehen würde.

          Umso schöner, dass „Wunderbaum“ jetzt in Jena seine Erfahrungen mit den Abgründen der Kreuzschifffahrt künstlerisch aufarbeitet und auf kluge, unterhaltsame Weise in Szene setzt. Ausgangspunkt sind Passagen und Figuren aus Foster Wallacs’ Reportage, die von den vier „Wunderbäumen“ Walter Bart, Wine Dierickx, Matijs Jansen und Maartje Remmers gespielt und gelesen werden. Vor zwanzig Jahren haben sie sich auf der Schauspielschule in Holland kennenlernt und zusammengeschlossen. Von Johan Simons zuerst entdeckt, zählen sie mittlerweile zu den wichtigsten Schauspielkollektiven in den Niederlanden und sind in Rotterdam, Amsterdam, Mailand und seit zwei Jahren eben in Jena ansässig.

          Vom ersten Moment dieses Theaterabends an fühlt man ihre Lust am direkten, unverkrampften Spiel. In weißen Kapitänsuniformen begrüßen sie das Publikum mit Gitarrenmusik und Ouzo-Shots, machen unterlegt von den immer gleichen Tönen einer elektrischen Pianomelodie (Musik und Komposition: Jens Bouttery) Ansagen zu „Schlagerabenden“, „Welcome Parties“, „Italienischen Nächten“ und „international vorgeschriebenen Rettungsübungen“ („es wird empfohlen, dass Frauen in langen Hosen erscheinen“). Sie treten als ungarischer Kellner Tibor auf, der nur zufrieden ist, wenn seine Gäste das Abendessen „ausgezeichnet“ finden, oder als „Captain Video“ alias Dieter, der vom Bildstabilisator und seinen Birkenstocks schwärmt. Sie sind eine Gruppe falsch fachsimpelnder Fake-Kapitäne aus Lesbos und tanzen leidenschaftlich zu Alexis-Sorbas-Musik, genauso wie letzte Glieder einer Putzkolonne, die missmutig ihre Schürzenschleifen binden und schluchzend in rosa Gummischlappen schlüpfen.

          „Wunderbaum“ präsentiert einen bunten Reigen an szenischen Überraschungen und kluger Unterhaltung. Nie hat man das Gefühl, sie stünden dabei über dem, was sie beschreiben, und fühlten sich als moralische Sieger. Dadurch, dass sie mit dem eigenen Herzen und nicht mit ausgeliehenen Tagestheorien spielen, bleibt man an ihrer Seite. Schaut ihnen voll froher Traurigkeit zu und hat noch lange ihren letzten Coversong im Ohr: „Ich möchte ein Eisbär sein/im kalten Polar/Dann müsste ich nicht mehr schrein/Alles wär so klar.“

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