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Schauspiel Stuttgart : Blutspur im Puppenhaus

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Burkhard C. Kosminski inszeniert die „Vögel“ von Wajdi Mouawad. Foto: Matthias Horn Bild: Matthias Horn

Kleine Ursachen, große Wirkungen und umgekehrt: Saisonauftakt am Staatstheater Stuttgart unter der neuen Intendanz von Burkhard C. Kosminski mit Wajdi Mouawads „Vögeln“ und der Groteske „Abweichungen“ von Clemens J. Setz.

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          Armin Petras und Stuttgart: Das war von Anfang an ein Missverständnis. Petras war urban, erratisch, schnell, kaum da, schon wieder weg, produktiv als Autor und Regisseur, aber als Intendant und Schwabenseelenstreichler eine Fehlbesetzung. Nach fünf Jahren verabschiedete er sich vorzeitig aus Stuttgart, das ihm so fremd wie Ulan Bator geblieben war; nur wenige trauerten ihm nach. Sein Nachfolger Burkhard C. Kosminski nun ist kein schlampiges Hauptstadt-Genie, sondern Schwabe aus Pfullingen, VfB-Fan, freundlich, verlässlich, „the normal one“ eben. Petras quälte sein Publikum gern auch mit assoziativem Experimental- und Metatheater, Kosminski, in den Siebzigern in Claus Peymanns Stuttgarter Ära theatralisch sozialisiert, gilt als Freund des Erzähl- und Literaturtheaters. In Mannheim erwarb er sich einen guten Ruf als Spezialist für Ur- und Erstaufführungen von großen Autoren wie Tony Kushner und Tracy Letts, Theresia Walser und Roland Schimmelpfennig.

          Kosminski will das Stuttgarter Schauspiel internationaler und politischer machen. Im Ensemble gibt es jetzt Schauspieler aus aller Welt, im Regieteam mehr Frauen. Und natürlich ist das Staatstheater auch bereits Teil des europäischen Balcony-Projekts und Plattform für balkontaugliche Fragen wie „Warum denn nicht warum?“, „Wem gehört die Stadt?“ und „Bleibt alles anders?“. Solche Kinderfragen gehören heute zur Neustart-Routine und Marketinglyrik. Das war nicht Petras’ Welt. Kosminski lässt sich derzeit dreimal die Woche von Stuttgartern auf ein Glas Wein nach Hause einladen, um ihnen sein Theater zu erklären.

          Programmatisch politisch und vielsprachig (Deutsch, Englisch, Hebräisch, Arabisch) eröffnet er jetzt auch seine erste Saison. Wajdi Mouawads „Vögel“, 2017 in Paris uraufgeführt, ist ein klassisches Familiendrama von der Wucht einer antiken Tragödie. Suchten in Mouawads Erfolgsstück „Verbrennungen“ Zwillinge in den Wirren des libanesischen Bürgerkriegs den verlorenen Vater, so ist „Vögel“ nun eine Art „Romeo und Julia“ zwischen den Fronten des Nahost-Konflikts, „Ödipus“ in Palästina. Der israelische Biogenetiker Eitan verliebt sich in New York unsterblich in Wahida, eine Kulturwissenschaftlerin mit arabischen Wurzeln. Eitans Vater, ein unbarmherziger orthodoxer Jude, wirft seinem Sohn Verrat am Vermächtnis des Holocausts, politische Naivität und „Vatermord“ vor; seine Frau, eine in der DDR aufgewachsene Psychotherapeutin, faselt etwas von Traumata.

          Burkhard C. Kosminski, der neue Intendant des Schauspiels Stuttgart

          Ohne Videofirlefanz und Metaebene

          Auch Wahida zweifelt an ihrer Liebe, nachdem sie in Palästina ihre arabische Identität wiederentdeckt hat. Eitan fällt bei einem Terroranschlag ins Koma und erwacht als ein Nathan der Genetik-Weisheit: Versöhnung ist naturwissenschaftlich möglich und machbar. Es gibt kein Trauma, das sich im Erbgut abspeicherte; nicht einmal Auschwitz verändert die DNA. Die Gene sind blind und undurchlässig für Gefühle und Leiden, und deshalb kann die Liebe alles überwinden: Vorurteile, Tabus, Traditionen, selbst die „Schuldgefühleerziehung“ der Holocaust-Überlebenden.

          Am Ende zerbrechen aber alle Gewissheiten und Lebenslügen: Der erzfundamentalistische Jude entpuppt sich als arabisches Findelkind. Eitans Vater wird wahnsinnig, Wahida zieht sich zurück. Hoffnung im Taumel der Identitäten macht nur das Märchen vom Amphibienvogel, der auch bei den Fischen träumen, atmen und fliegen kann. Und die beiden Alten: Dov Glickman als humaner Schlawiner-Opa und Evgenia Dodina als bissige, zynische Großmutter spielen ihre plakativ traumatisierten Kinder und angestrengt idealistischen Enkel an die Wand.

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