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Schauspiel Stuttgart : Blutspur im Puppenhaus

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Liebe und Hass, Koma und Amok, Ausschwitz und Schatila, große Monologe und pathetische Gesten über drei Generationen, drei Kontinente und fast vier Stunden hinweg: Kosminski unternimmt alles, um die bösen Geister der Ära Petras mit Erzähltheater ohne Videofirlefanz und Metaebene zu exorzieren. Dennoch: Mouawads Ringparabel wirkt überkonstruiert und eindimensional, manchmal sogar fast kitschig: Das „Stück der Stunde“ (Kosminski) präsentiert den Nahost-Konflikt als überlebensgroße Familienaufstellung, und das ist einfach zu glatt und platt.

Es geht auch eine Nummer kleiner, sogar besser. Durch die Verkleinerung, doziert ein gewisser Clemens J. Setz in der Groteske „Die Abweichungen“, „wird das Unfassbare handhabbar, überschaubar“. Zum Abschluss des ersten Saisonwochenendes gab es darum noch ein kleines neues Stückerl des österreichischen Realitätszerstäubers Setz. Auf die schräge Idee muss man erst mal kommen: Kurz vor ihrem Suizid baut die Putzfrau Jennifer Jassem in ihrer Mini-Wohnung, wo sich einem „das Universum in die Kniekehlen wölbt“, die Wohnungen ihrer Kunden en miniature nach. Freilich mit kleinen Abweichungen von der Wirklichkeit: Der Projekteschrank steht am falschen Ort und birgt statt toller Pläne nur einen Spielzeugdino. Den Kaindls dichtete Jennifer ein „Phantomkind“ an, in einem Miniaturdiorama ersetzte sie den Kühlschrank durch einen Ticketautomaten.

„Abweichungen“ von Clemens J. Setz. Foto: Björn Klein

Bürgerliche Ängste und Aggressionen

Die kleinen Abweichungen ziehen große dramatische Verwicklungen nach sich. Geschichtslehrer Kaindl wittert Rache und Indiskretion und droht der Galeristin, die nach ihrem Coup mit den Flüchtlingen auf der Wasserrutsche nun mit „Outsider“- Putzfrauenkunst Furore machen will, juristische Schritte an. Seine Frau muss dringend zum Therapeuten, das Schwulenpärchen verbeißt sich in Eifersucht und Neid, das demente „alte Eselchen“, das Anke Schubert kaum noch bändigen kann, teilt übel gegen die faule Putzfrau und das Migrantenpack aus. Nur die Kinder finden den „Voodoo-Scheiß“ total krass: „So fangen Horrorfilme an.“ Und irgendwann wird sich sogar Herr Kaindl im Pflegeheim an die Mini-Realitätsartefakte klammern, die ihn an seine besten Jahre erinnern.

Setz erinnert in seiner Vernissagen-Ansprache an Frances Glessner Lee, eine kauzige Millionärin, die in den vierziger Jahren die Tatorte ungeklärter Morde in „Nutshell Studies“ nachbaute und so zur Mutter der modernen Forensik wurde. In ihren Schaukästen plazierte sie mitten in liebevoll ausgestatteten Puppenstuben Blutspuren, Patronenhülsen und Indizien brutaler Verbrechen, und so ähnlich macht auch Setz die verstörenden Abgründe seines Hyperrealismus im Kleinen und Alltäglichen sichtbar. Suche die „ekstatische Wahrheit“, finde den Fehler: Das Grauen nistet in den kleinen Unterschieden zwischen Fakten und Phantasie, Kunst und Leben, organischem Material und mechanischer Bewegung.

Setz’ Begabung für detailliert ausgemalte Grotesken kommt nicht nur in seinen tausendseitigen Romanen zur Geltung. Schon sein erstes Theaterstück „Vereinte Nationen“ war ein munter kafkaeskes Spiel um Scripted Reality, Familienterror und Erziehung in Zeiten der sozialen Medien. „Die Abweichungen“ ist jetzt noch mysteriöser und genialer. Ist es ein metaphysischer Krimi? Eine Kunstbetriebssatire? Eine nerdige Parabel über die große Sprengkraft feiner, kleiner Unterschiede? Man weiß es nicht. Elmar Goerden macht aus dem Setz-Kasten jedenfalls einen hübschen kleinen Kammertheater-Abend. In seinem blitzblank geputzten Puppenstuben-Bauhaus fügen sich kleine Dramolette an der Grenze zwischen Komik und Tragik, absurdem Theater und Underdog-Drama zu einem Panorama bürgerlicher Ängste und Aggressionen. Kleine Irritationen, sprechende Staubsauger und fotografische Sommersprossen erzeugen eine Atmosphäre von Paranoia und latenter Bedrohung. Am Ende ertappt man sich beim Ruf nach einer Putzfrau, die den ganzen sozialen und psychischen Müll in der Hipster-Galerie kunstgerecht endlich mal wegräumt.

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