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„Don Karlos“-Premiere in Köln : Licht an für den Großinquisitor

Umsonst und für alle: Ist das ein gutes Geschäftsmodell? „Don Karlos“ in Köln Bild: Clärchen & Hermann Baus

Mehr arrangiert als inszeniert: Das Schauspiel Köln streamt die Premiere von Schillers „Don Karlos“ in der Regie von Jürgen Flimm.

          3 Min.

          Angekündigt war eine Theaterpremiere auf WDR 3. Aber im Fernsehen lief zur angesetzten Zeit eine Lokalnachrichten-Sendung über Corona. Natürlich ist im Fernsehprogramm der Öffentlich-Rechtlichen zur besten Sendezeit kein Platz für eine Aufführung von „Don Karlos“, das geht nur gerade so auf der Website des Kultur-Radiosenders, im Stream. Warum eigentlich? Ist das Theater den Programmmachern so wenig wert, dass man nicht einmal in einer Krisensituation wie jetzt als Zeichen der Wertschätzung eine Theateraufführung in voller Länge im Fernsehen zeigt? Nur beim Theatertreffen brüstet sich 3sat mit seiner Kulturpartnerschaft und zeigt ein paar Gewinner-Inszenierungen, aber sonst und anderswo ist vom Theater im Programm der Öffentlich-Rechtlichen keine Spur mehr. Da darf sich keiner der Intendanten mehr über die stiefmütterliche Behandlung der Kultur durch die Bundesregierung beschweren, wenn sie selbst ihrem Kulturauftrag nicht nachkommen und stattdessen nur Quizshows und Krimis senden. Der Serientitel „Kulturambulanz“, unter dem der WDR den Theaterstream ankündigt, wirkt jedenfalls scheinheilig. Wenn das Fernsehen dem Theater wirklich zu Hilfe käme, dann würde es ihm einen würdigeren Exil-Platz bieten.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Um halb acht Uhr geht es also im Netz los. Umsonst und für alle, das heißt, man kann sich seine gekauften Premierenkarten vom Schauspiel Köln erstatten lassen und die Vorführung trotzdem anschauen – das klingt nicht nach einem guten Geschäftsmodell für die Zukunft.

          Leise stotternd vor dem Großinquisitor

          Der Blick fällt zuerst in einen leeren Zuschauerraum, in dem nur hier und da vereinzelte Kameras stehen und traurig den Kopf hängen lassen. Dann tritt, vor einem Labyrinth aus Lichtsäulen, Don Karlos auf. Gespielt wird er vom neunundvierzigjährigen Marek Harloff. So ungestüm und überdreht er auch versucht, den jungen Wilden zu geben, so sehr er irr mit den Augen zwinkert und sich auf den erdigen Bühnenboden schmeißt, der Jünglings-Ausruf „Dreiundzwanzig und noch nichts für die Unsterblichkeit getan“ muss ihn desavouieren. Harloff versucht verschiedene Wege, um sich seiner Rolle zu nähern, aber erst ganz am Ende, wenn er leise stotternd vor dem Großinquisitor steht, findet er einen richtigen, weil ihm eigenen, ruhigeren.

          Regie führt an diesem Abend Jürgen Flimm, der von 1979 bis 1985 Intendant des Schauspiels Köln war, später die Salzburger Festspiele leitete und zuletzt neben Daniel Barenboim als Intendant der Berliner Staatsoper wirkte. Flimms Regie-Metier waren in den letzten Jahren vor allem die Opern – das merkt man jetzt, wo er einen Theaterklassiker inszeniert, nicht nur an den wiederholten Wagner-Einspielungen zwischen den Szenen, sondern auch an der grundsätzlich zurückhaltenden Art seiner Schauspielerführung. Er arrangiert das Geschehen eher, als dass er es inszeniert. Was er (oder seine Dramaturgie) an Ideen und Assoziationen zum Stück hatte, ist als Videoeinspielung in den Hintergrund verbannt: Da sieht man hin und wieder, wenn die Kamera auf Weitwinkel justiert wird, militärische Aufmärsche oder demonstrierendes Volk. Ansonsten konzentriert Flimm sein Ensemble darauf, das undurchschaubare Intrigennetz, in das Schiller den spanischen König Philipp II, seine Gemahlin und seinen Kronprinzen Karlos sowie die Prinzessin von Eboli und den Marquis von Posa verstrickt, möglichst verständlich zu machen.

          Spitzbart, Halstuch und Lesebrille

          Während die Frauen hier meist in Stoffbergen untergehen und wenig Chance auf einen durchdringenden Auftritt bekommen, nimmt der Abend immer dann Fahrt auf, wenn Nicolas Lehni als Posa auftritt. Mit Spitzbart, weißem Halstuch und Lesebrille spielt er, der 1995 geboren ist, den gereiften Mann, der doch „für die Träume seiner Jugend Achtung tragen will“. In seinem staatsphilosophischen Zwiegespräch mit dem König (mit landesväterlichem Embonpoint: Bruno Cathomas) findet diese Inszenierung – wie so viele andere vor ihr – zu Recht ihren Höhepunkt: Da steht einer und kann nicht anders, als den Fürsten mit seinen Forderungen nach Freiheit zu erschüttern. Einer, der über die Menschen nachgedacht und mit ihnen gefühlt hat und das auch von einem Herrscher erwartet. Seiner Zeit voraus, lebt er „als Bürger derer, welche kommen werden“, wie es bei Schiller wunderbar heißt. Ein wenig zu keck und selbstgewiss wird Lehni im Zuge des Gesprächs, um dann schließlich den bekanntesten Satz des Stücks hervorzustoßen, als wäre die „Gedankenfreiheit“ ein schlecht gekautes Stück Fleisch.

          Und der König? Der zeigt sich hier allzu beeindruckt vom Aufklärer und vergibt so jene Chance auf einen spannungsvollen Widerspruch, der entsteht, wenn Philipp geschickt die Schlechtheit der Menschen ins Feld führt, um seine strenge Herrschaft zu rechtfertigen. Hier aber bleibt der König ein plumper Mann der Macht, der nicht verstehen kann, warum einer lieber für seinen Freund sterben, als ein Reich haben will. Als Posa ermordet ist und Karlos „für sein Leben keine andere Arbeit mehr hat als die Erinnerung an ihn“, zieht Flimm das Arrangement endgültig ins opernhaft Monumentale: Von hinten tritt im gleißenden Scheinwerferlicht der Großinquisitor auf, Karlos steht vorne am Bühnenrand, Choräle erklingen. Das wirkt auf dem Bildschirm wie eine arg groß gedachte Geste, um das Finale zu markieren. Aber wer weiß, ob es einen nicht doch gepackt hätte, dort, auf einem der leeren Stühle sitzend, mit dem letzten, kalt an den Großinquisitor gerichteten Satz des Königs in den Ohren: „Ich habe das Meinige getan, tun Sie das Ihrige.“

          Ein Mitschnitt der Online-Premiere ist zu sehen auf www1.wdr.de/kultur/buehne/kulturambulanz

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