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Thalheimer inszeniert Kleist : Der dunkle Augenblick der Erkenntnis

Prinz Friedrich (Felix Rech) in Frauenhand Bild: Birgit Hupfeld

Michael Thalheimer inszeniert am Schauspiel Frankfurt Kleists „Prinzen von Homburg“ – mit unerbittlicher Härte für Ordnung und ohne Sinn für das Spiel.

          4 Min.

          Dies ist ein Abend nur für ein Bild. Für eine Haltung. Für einen großen Augenblick. Alles andere ist nichts, bleibt unbewegt, stumpf und absichtslos. Aber dieses eine Bild vom Prinzen, wie er allein im Dunkel hängt, oben an kalten Draht gekettet und unter ihm die gähnend leere Gruft, wie er da zappelt, schreit und um sein Leben fleht, das Bild bleibt haften. Brennt sich ein. In seiner echten Düsternis ist das ein Lichtblick an einem Abend voll falscher Dunkelheit.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Von Beginn an wirkt hier nämlich alles Böse nur künstlich ausgestellt: Mit Masken und verzögerten Schritten tritt Preußens Adel anfangs neben den Prinzen, reiht sich am Bühnenrand auf und spricht dumpf seine Sätze weg. Kleists Figuren wirken hier wie verkleidete Untote auf dem Heimweg vom Faschingsfest, die sich noch einmal an ihren Schattenwürfen freuen, bevor sie gleich das Kostüm ablegen und ins Warme treten. Ihre Körper sind starr, aber „krank“ ist hier niemand, schon gar nicht „der junge Mann“ in Socken und weißem Büßerhemd, der Prinz von Homburg, der angeblich fieberträumt. Ein bisschen fuchtelt er zwar wild ins Leere, wechselt immer wieder vom Stand- aufs Spielbein und lässt Handschuhe fallen. Von einer Entzündung der Seele, einem sinnverwirrten Leiden spürt man bei Felix Rech jedoch zunächst gar nichts, er ist nur ein harmloser, unempfindlicher Trottel, der bei der Kriegsplanung nicht richtig aufpasst.

          Warum sollte er auch angesichts eines Kurfürsten, der Befehle erteilt, als wären sie ihm lästig. Der wie ein altes wundgerittenes Schlachtross nur noch lustlos seine Pflicht erfüllt, zynisch und abgestumpft. Wolfgang Michael pöbelt mehr, als dass er spricht, keinen Moment glaubt man, dass ein Gesetz ihm heilig sein könnte, das Vaterland ihm mehr als ein Schimpfwort ist. Mit einem solchen Kurfürsten kann man keinen Staat machen. Und auch keinen „Homburg“. Wie soll da ein Zwiespalt entstehen zwischen der „Order des Herzens“ und der „Logik des Rechts“, woher sich ein Gegensatz entwickeln zwischen Gefühl und Gedanke, wenn der Repräsentant der alten Ordnung von vornherein selber aufmüpfiger Rebell sein will? Daran krankt diese Inszenierung, dass sie aus lauter Angst vor der politischen Romantik, die Kleists „Preußendrama“ innewohnt, vollkommen aus dem Blick verliert, wo hier die eigentlichen Spannungslinien verlaufen. Wer gegen wen steht und wofür. Die Schlacht, in die der Prinz von Homburg verbotenerweise zu früh eingreift, wird trotz dichter Nebelschwaden, überlauten Donnerschlags und blutiger Offiziershände keinen Augenblick bedrohlich. Der Prinz setzt sein Leben aufs Spiel, weil er seinem Herzen folgt: Wer das Stück nicht gut kennt, kann das kaum ahnen.

          Yohanna Schwertfeger und Felix Rech

          Über lange Strecken wirkt Kleists „romantisches Schauspiel“ in der Inszenierung von Michael Thalheimer nur wie ausgestattet, nicht wie aufgeführt. Selbst Corinna Kirchhoff hat Mühe, ihrer Kurfürstin Ton und Farbe zu geben. Wenn man sie aber einmal wirklich spielen lässt, dann wandelt sie sich in Sekundenschnelle vom zitternden Trauerweib zur gefährlichen Intrigantin, wird ihr Blick wild und unberechenbar. Aber all das geht ins Leere, es darf ja niemand mit ihr spielen. Yohanna Schwertfegers arglose Natalie schon gleich gar nicht. Ihr fehlt das Geheimnis, das sie bei Kleist auf wundersame Weise umgibt. Dass sie sich hier am Ende selbst die Kehle durchschneidet, ist nur profan und motivlos.

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