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Bockenheimer Depot : Studie in Wut und Zärtlichkeit

Ertrinken üben: Gegen Unwetter auf den Gewässern des Lebens ist auch das beste Ausdauertraining machtlos. Bild: Robert Schittko

Krankheit ohne Metapher, dafür mit Krebs-Infostand: Luk Perceval bricht mit der Bühnenfassung von „Mut und Gnade“ nach dem Buch von Ken Wilber am Schauspiel Frankfurt ein Tabu.

          Ich bin glücklich“, flüstert sie, auch wenn sie sich nicht vorgestellt hat, wie schwer es sein würde, zu gehen. Das Wüten ist zu Ende, die Hoffnung auch. Nüchtern trägt der Liebende, der bald der Witwer sein wird, vor, was nicht mehr geht: Hirn, Leber, Lunge, kurz vor dem Metastasenkollaps. Schmerzmittel Tag und Nacht. Sie aber, erzählt er, läuft mit Beatmungsgerät jeden Tag auf dem Laufband. Vier Frauen rennen auf der Stelle, ekstatisch, kämpferisch, bis zur hechelnden Erschöpfung. Eine Mozart-Sinfonie brüllt kurz los. Dann ist Stille. Die Wasser legen sich, bis eine glatte, schimmernde Fläche entsteht, in der die zerbrechlichen Körper sich spiegeln.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Leben ist kein langer, ruhiger Fluss. Vielleicht aber ein stiller See, dessen Oberfläche aufgewühlt wird, durch Freude, Ekstase, Leid, Wut. Wer das Spaßbad haben will, darf den Tauchgang nicht fürchten: So zeigt es die Wasserfläche, mit und auf der Luk Perceval am Schauspiel Frankfurt „Mut und Gnade“ inszeniert hat. Es ist ein mutiger Abend.

          Wenn wir lesen, jemand sei nach kurzer oder langer, „schwerer Krankheit“ verstorben, wissen alle, was gemeint ist. Das K-Wort aber sprechen wir lieber nicht aus. Dabei ist Krebs in der westlichen Welt zweithäufigste Todesursache, jeder muss damit umgehen, als Patient, Angehöriger, Kollege oder Freund. Perceval geht das genauso, auch er sah Leute am großen K verschwinden. Nun holt er den Krebs ins Theater, wo er zumeist sorgsam gemieden wird. Christoph Schlingensief, der an Krebs starb, ist eine Ausnahme gewesen, als er seine Angst zu Bühnenkunst machte. Bevor „Mut und Gnade“ nach dem Buch von Ken und Treya Wilber im Bockenheimer Depot, der Zweitspielstätte des Schauspiels, Premiere hatte, konnte Perceval den Stoff lange keinem Theater andienen. Die Frankfurter haben nicht nur zugesagt: Im Foyer ist ein Stand der Brustkrebsaktion „Pink Ribbon“ aufgebaut, es wird einen Informationsabend zur Vorsorge geben.

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          Auf der Bühne aber gibt sich Perceval alle Mühe, die brutale Realität der Krankheit zu transzendieren und so, ein künstlerisches Paradox, das Unfassbare daran fassbar zu machen. Das bedeutet für ihn nicht, Drainagebeutel und Intensivbetten auf die Bühne zu stellen. Perceval schafft aus den acht Körpern seiner Darsteller und dem immensen Raum des einstigen Straßenbahndepots abstrakte und zugleich physisch intensive Bilder, deren überbetonter Stille und Wucht man sich auch dann nicht entziehen kann, wenn man eigentlich gar keine Lust mehr hat, hinzusehen. Denn bisweilen ist das Scheitern sehr nah, vor allem wenn Percevals Inszenierung beinahe überschnappt im Auskosten all der Atemgeräusche und röchelnden Leidensbeschreibungen.

          Versuche die Krankheit anzunehmen

          „Mut und Gnade“ hat der Amerikaner Ken Wilber, Verfechter des „integralen Denkens“, 1991 nach dem Tod seiner Frau Treya aus ihrem Tagebuch und seinen Reflexionen veröffentlicht. Die beiden, auf der Suche nach Ganzheitlichkeit und Spiritualität, was nicht jeder leiden können muss, haben fast sechs Jahre Krankengeschichte beschrieben, von der Entdeckung eines Knotens in Treyas Brust bis zu ihren letzten Tagen. Zweieinhalb pausenlose Stunden lang ringen Katharina Bach, Claude de Demo, Luana Velis und Patrycia Ziolkowska, jeweils als Paar vereint mit Sebastian Kuschmann, Rainer Süßmilch, Uwe Zerwer und Andreas Vögler, um Leib und Liebe.

          Es ist eine präzise Verausgabung. Man spürt, wie die Darsteller sich das Thema und dieses von Achtsamkeitstraining und Yoga gefütterte Theater, choreographisch unterstützt von Ted Stoffer, zu eigen gemacht haben, bis in die Fingerspitzen. Ihr größer Mitspieler ist der Raum, den der Bühnenbildner und Videokünstler Philip Bußmann gebaut hat. Beinahe eine Liebeserklärung an das Depot, das Bußmann dank zahlreicher Arbeiten mit William Forsythe dort bestens kennt. So ist sein Wasserbecken, mit den glitzernden Reflexionen an den Wänden und einer ausgefuchsten Tontechnik, die Stille und Wassertropfen als fast einzige Geräusche wiedergibt, genauso weit entfernt von allfälligen Theater-Wasserspielen wie Percevals Bilder es sind: Im knöcheltiefen Wasser spritzen die Frischverliebten lustvoll herum, zärtlich streichelnd bergen sie einander, als die Krankheit zutage tritt, später, triefnass und bibbernd, ist der Kampf so aussichtsreich wie der Versuch, Wasser zu prügeln.

          Dass Wilbers Frau so jung war, die beiden eine große Liebe erlebten und noch vor der Hochzeit die Krankheit entdeckt wurde, dass Besserung und Rückfälle einander ablösten – auf der Bühne könnte das nah an „Love Story“ vorbeischrammen oder gleich vollends zum großen K für Kitsch werden. Schon das Buch aber beschreibt den Versuch, die Krankheit anzunehmen, einen anderen Zugang zu sich und anderen zu finden. Nicht ohne Wut und Scheitern, mitsamt dem „Warum ich?“ und der Frage, ob es eine Schuld an der Krankheit gibt, wie sie vor vierzig Jahren Susan Sontag beschrieben hat.

          Darin liegt das Interesse Percevals, der als Buddhist und praktizierender Yogi ganzheitlichen Zugang zu Mensch und Welt sucht. Dem allzu Esoterischen geht er nicht auf den Leim. Das Schönreden und die Frage nach dem Warum plaziert er in chorische Wiederholungsschleifen, findet für das Spirituelle zu Momenten des Stillstands, gar zu einem gemeinsamen Om der Darsteller. Die medizinischen Diagnosen, das Geschwätz alternativer Heiler hingegen knallen die Mikrofone am Bühnenrand. Harte Realität, ein Leben, bis hin zum Tod. Vervierfacht im Spiel, gespiegelt im Wasser, weitet sich das Schicksal des Paares zu unser aller Drama.

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