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Schauspiel Frankfurt : Sie ist die Königin, die lallt

Zu ähnlich sind sie, um einander zu trösten: Constanze Becker und Corinna Kirchhoff (rechts) als Tochter und Mutter. Bild: Birgit Hupfeld

Schauspielerinnentriumph: Corinna Kirchhoff und Constanze Becker machen Oliver Reeses letzte Frankfurter Inszenierung zu einem Ereignis.

          Dieses Haus ist eine Festung. Weder Licht noch Luft dringen durch die Ritzen, die Hitze ist unerträglich, Tag und Nacht sind hier gleich, denn schwarze Blenden hängen vor den Fenstern, aus denen nie jemand nachschaut, ob der Feind naht. Wozu auch, der Feind ist ja längst da. Er wohnt hier. Er hat dieses Haus gebaut. Es ist sein Heim und seine Hölle, ein verwahrloster Palast der Schmerzen und der Selbstzerstörung, der nun, zu Beginn des Stücks, endlich einmal gründlich aufgeräumt werden soll, ausgemistet geradezu. Als erstes räumt sich der Hausherr selbst aus dem Weg. Er bringt sich um. Jetzt kann das Großreinemachen beginnen. Er muss es ja nicht mehr mitansehen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Abgang des Patriarchen, der keiner war, sorgt dafür, dass wieder Leben in die Präriefestung in Oklahoma kommt: Die Familie, die schon lange keine mehr ist, kommt noch einmal zusammen. Seit Jahren hat man sich nicht mehr gesehen, jetzt eilen alle herbei: Schwägerin Fattie Mae und ihr Mann Charles samt dem fast vierzigjährigen Nesthockersöhnchen Little Charles, vor allem aber die Töchter mit ihren Partnern: drei leicht welke Prärieblumen aus dem Mittleren Westen, zu jung, um aufzugeben, zu alt, um noch viel zu erhoffen – das sind die „Weston-Schwestern“. Constanze Becker als Barbara wird den Ausdruck später mit schwerstem amerikanischen Akzent langsam, spöttisch und ein wenig angeekelt über ihre Lippen schieben, als handele es sich um einen Fremdkörper, den sie vor Jahren verschluckt hat und nun wieder hochwürgt, um ihn endlich auszuspeien.

          Nur der Tote hatte Format

          Oliver Reese, der scheidende Intendant hat sich für seine letzte Frankfurter Inszenierung ein Stück ausgesucht, das zu den meistgespielten Theatertexten der letzten Jahre gehört. „Eine Familie“ von Tracy Letts, 2008 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und 2013 mit Meryl Streep verfilmt, steht in der besten Tradition amerikanischer Zerfleischungsdramen, wie sie seit Eugene O‘Neill, Tennessee Williams und Edward Albee scheinbar unverwüstlich die Bühnen bevölkern: Ehe- und Familienkrisenalltagsdramen, in scharfen Dialogen auf die Spitze, also in den Abgrund getrieben.

          Reese, der immer die Schauspieler und ihre Kunst in den Mittelpunkt seiner Frankfurter Intendanz gestellt hat, gibt hier gleich dreizehn Ensemblemitgliedern die Gelegenheit zu glänzen, wobei die weiblichen Rollen die der Männer mühelos überstrahlen und die Regie wenig bis nichts tut, um daran etwas zu ändern. In dieser Familie sind Frauen überwiegend untergehende Kämpferinnen und die Männer entweder friedfertige Dulder wie Oliver Kraushaars Bill und Martin Rentsch als Onkel Charlie, eingeschüchterte Muttersöhnchen wie Sascha Nathan als Little Charlie oder selbstverliebte Möchtegern-Lebemänner wie Till Weinheimers Steve, der Karen die Ehe verspricht und ihrer vierzehnjährigen Nichte Jean einen Joint andreht und sie dann betatscht. Format hatte offenbar nur der Tote, dem keiner eine Träne nachweint.

          Wolfgang Michael ist Beverley Weston, Universitätsdozent, einstmals gefeierter Dichter mit vier Jahrzehnte währender Schreibblockade und ein „Weltklasse-Alkoholiker“, der den weichen Kern, der unter der harten Zynikerschale vor sich hinfault, mit Whisky zu konservieren versucht, so lange es halt geht. Als es nicht mehr geht, stellt er kurz vor seinem Verschwinden Johnna ein, eine indianische Haushaltshilfe, die seiner krebskranken und tablettensüchtigen Frau Violet den Haushalt führen soll.

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