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Schauspiel Frankfurt : Mein Gott, wir müssen alle, alle sterben!

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Ham Se nich nen Schwurbel kleener?

Denn weil der tote Vater zu Lebzeiten offenbar nicht nur eine Unmenge von Katzenkadavern und vollgekackten Seniorenwindeln samt anderem Müll in einem Nebengelass gehortet, sondern auch Gedichte und Essays verfasst hat, die vom Zerfall der Welt, angefangen bei den Kreisen, die „unmöglich“ seien, bis hin zu einem „metonymischen Ballet“ reichen, das verkündet „Alles stirbt!“, und zu „Wörtern ohne Entsprechung“ und dass aus „Staub, Sand, Dreck Mensch wird“ (und umgekehrt), von „Lebenskassetten“ und „Todessonnen“ ganz zu schweigen, wird hier offenbar insgesamt angedeutet, dass der verwesende tote Papa die verwesenden lebenden Söhne samt verwesendem kosmischem Überbau nach sich ziehen solle.

Diesem kosmisch Universellen, das sich hier in proseminaristischer Prosa als durchnumerierte „Zettel“ ins Drama schmuggelt, würde man gerne zurufen: Ham Se nich nen Schwurbel kleener? In Frankfurt sieht es zunächst so aus, als würden Berg, den Sebastién Jacobi als wuscheligen Nervenstreichler, und Eirik, den Thomas Huber als schnöselig grimassierenden Nervensäger andeutet, den Slapstick wider den Schwurbel ins Feld führen wollen. Es wird ein bisschen gelacht.

Augenrollen, Schmollen, Toben

Die Papaleiche, die Manfred Thomas im Stuhl mimt und später im Bett leichenunmäßig schwer atmen lässt, wird zum tückischen Objekt, das die beiden grauen Ratlosen in Armen halten, dem sie die finalen Exkremente abwischen (was man so realistisch und ausführlich-peinlich totenärschlings auf einer Bühne auch noch nicht gesehen hat), es ins Bett wuchten. Wohin mit der Leiche? Eine Hitchcock-Situation eigentlich. Aber die Situation führt zu nichts. Außer zu Geschwätz. Also müssen sie in einen großen, grauen Container rechterhand klettern und von drinnen per Video sich über Kot und Tod auf einen Monitor nach draußen versenden. Der Müll, der sich vom Stück her eigentlich in einem Nebengelass drastisch, aber unsichtbar stapeln sollte, fällt hier drastisch, aber sichtbar vom Himmel.

Die Regie Martin Kloepfers deutet so hilflos wie unaufhörlich an, dass sie sich mit einem dramatischen Material, das aus einem Toten und zwei langweiligen leeren Gestalten besteht, eben auch nur rasend langweilt. Und weil Huber und Jacobi sich mit verzweifelter Verve in die Leere ihrer Figuren werfen und ihren Gesichtern handwerklich sauber alle möglichen Emotionsmasken erspielen: Augenrollen, Schmollen, Toben, wirkt die Leere umso leerer.

Die Hälfte des Stücks streichen?

Auch weil die Regie dauernd nach Aufpulverungen (Video! Müllkaskaden!) giert, deren exaltierteste und also dümmste darin besteht, die Leiche vom Bett aufstehen und im Stuhl Platz nehmen und im Videobunker einen Schwurbelessay verlesen zu lassen. Wobei die „Zettel“-Essays, vom Blatt vorgelesen von den Söhnen, derart langatmig auf dem Abend lasten, dass er darunter sanft schmockverdämmert. Man hätte sie und damit gut die Hälfte des Stücks streichen können - wobei halbe Maßnahmen hier auch nichts hülfen.

Das Schauspiel Frankfurt aber, das unter der neuen Leitung im letzten Herbst so furios begann, fängt an, in der zweiten Saison langsam, aber sicher zu verläppern. Die Klassiker (vom „Clavigo“ bis zur „Minna“) waren aufgemotzte Luschen. Und was die Gegenwartsdramatik angeht, hätte ein mit künstlerischem Feinsensorium begabtes Haus (sprich: der Intendant) seinen Hausautor vor diesem Quark bewahren müssen.

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