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Schauspiel Frankfurt : Der Ur-Zauber der Kopffüßler von Theben

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Die Maske zeigt die Bestie: Constanze Becker als Iokaste und Marc Oliver Schulze als Ödipus in Thalheimers Frankfurter Sophokles-Inszenierung Bild: dpa

Man kann in Frankfurt wieder ins Theater gehen: Die Intendanz Oliver Reeses beginnt mit großen Stücken. Für Sophokles' „Ödipus“ findet Michael Thalheimer einen archaischen Ton, für die „Antigone“ einen etwas schäbigen Lärm.

          Es ist paradox. Das Theater fängt neu an in Frankfurt. Aber die Bühne bleibt zu. Der eiserne Vorhang ist heruntergefahren, der Bühnenbildner Olaf Altmann hat ihm eine Sperrholzrampe vorgelagert, in deren Mitte eine größere Blutlache eingetrocknet scheint. Wenig könnte noch abweisender sein als dieses Bild. Mit derartig grabesselig Endspieligem begräbt man normalerweise alte Intendanzen, beginnt man keine neue. Auch die neuen Schauspieler treten nicht auf aus Gassen und Kulissen, die ja auch gar nicht da sind, sondern kommen massenhaft durch den Zuschauerraum und entern gemächlich die Rampe. Auch sie wie begraben unter großen Papiertüten über ihren Köpfen, als wollten sie dem großen Vermummungsverbot trotzen. In die Tüten sind Schlitze geschnitten, manche sind bemalt. Die eine Massenhälfte nimmt links, die andere rechts vom eisernen Vorhang Aufstellung: Die Ära Reese beginnt mit einem statuarischen Maskenball. So scheint es.

          Aber dann fallen die ersten Worte. Und die Welt wird weit. Und wir sind mittendrin. Es geht uns neu an. Es geht um Not, Skandal, Verheerung. Die Pest wütet. Die Saat verdorrt. Frauen sterben im Kindbett. Es tobt der Gott der Seuche und sengt und brennt über der Stadt, die dahinstirbt mit allem Leben in ihr. Dann tritt ein Schauspieler aus dem Chor rechts heraus und nimmt den Platz nahe der Blutlache in der Mitte ein. Und so wie am Anfang des Theaters vor zweieinhalbtausend Jahren das Drama dadurch geschaffen wurde, dass einer (später dann noch ein Zweiter und Dritter) heraustrat und vor und gegen und mit dem Kollektiv mit Mächten und Göttern und Verhängnissen rechtete, so naiv, mutig, wuchtig uranfänglich fängt das Schauspiel Frankfurt im Jahr 2009 neu an. Diesem Anfang wohnt ein Ur-Zauber inne.

          Der heraustretende Schauspieler kommt wie sein Ur-Kollege vor zweieinhalb Jahrtausenden auf Kothurnen, hohen Schnürsandalen, daher, die seinem Gang etwas tapsend Archaisches geben. Er ist halbnackt, trägt eine weiße, weiche Maske, die seinem Kopf etwas bestialisch Menschenunähnliches gibt. Die Maske läuft aus in einem goldflammenden Zackenkranz, der dieses Wesen als König ausweist. Dieser König, Star der Stadt Theben, unumschränkter Herrscher, Ödipus, der Rätsellöser, Alleskönner, Wohltäter, Befreier, toller Fremder, der einst aus Korinth hereingeschneit kam, wird den Gott der Seuche vertreiben. Dadurch, dass er die Schuld aufklärt, die auf der Stadt liegt: den Mord am alten König, seinem Vorgänger. Diesem ward prophezeit, dass er von Sohnes Hand sterben werde. Weswegen er seinen neugeborenen Sohn zu töten befahl, ein Hirt das Baby aber rettete und nach Korinth schaffte, wo es vom dortigen Königspaar an Kindes statt aufgezogen wurde, auch ihm aber ein Orakel Ungeheures an Hirn und Seele hängte: Er werde seinen Vater töten und seine Mutter ehelichen. Weshalb er Hals über Seele aus Korinth flieht, prompt aber an einem Kreuzweg einen älteren Herrn erschlägt, König Laios von Theben, nach Theben kommt, dort ins Bett der älteren Königin kriecht und mit ihr Kinder zeugt. Ahnungsloser Vatermörder, Mutterschänder. So viel zum Nutzen und Vorteil von Orakeln.

          Ahnungsloser Vatermörder, Mutterschänder: Ödipus (Marc Oliver Schulze) ist geblendet von seiner Schuld

          Jammervoll wie jammergrandios die Bestie gezeigt

          Kollege Kerr nannte diesen Ödipus ob solcher Umstände einen „Blödipus“. Dabei hat Sophokles, sein genialer dramatischer Erfinder, im Jahr 443 vor Christus einen Menschen, der seine Schuld und seine Verbrechen auf höhere Instanzen, Götter und Orakel schiebt, allein auf das heruntergeholt, was in ihm steckt: eine beispiellose Anmaßung, Sturheit, Bestialität. Ein Wesen. Sehend blind. Das, je mehr es sich in Sicherheit bringen will, desto tiefer in Mord, Inzest, Ungeheurem versinkt. Nur weil es wissen will: Wer bin ich? Und als es das weiß und als arroganter Untersuchungsrichter in sich den schaurigen Angeklagten entdeckt, dies Übermaß an Horror nicht mehr mit ansehen kann - und sich blendet. Blind erst sehend wird.

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