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Schauspiel Frankfurt : Bratpfannenattacke auf Charlo

Eine Frau kämpft und redet sich frei: Bettina Hoppe als Paula Spencer Bild: Birgit Hupfeld

Oliver Reese macht Roddy Doyles furiosen Erinnerungsmonolog „Die Frau, die gegen Türen rannte“ am Frankfurter Schauspiel zu einem kaum weniger atemlosen Ein-Personen-Stück.

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          „Hier kommt er nicht wieder rein“, sagt Paula Spencer im 31. Kapitel zu ihrer Tochter Nicola. Er, das ist Charlo, Paulas notorisch untreuer Gatte und Nicolas Vater, der seine Frau siebzehn Jahre lang immer wieder verdroschen hat, der ihr Zähne ausgeschlagen, Finger gebrochen oder ihre Haut mit seinen Zigaretten verbrannt hat. Sie hat das hingenommen, die Schuld bei sich gesucht, zur Flasche gegriffen und immer wieder Zuflucht in Tagträumen gesucht. Schluss ist, als Charlo in Nicola ein neues Opfer sucht: „Ich erwischte ihn mit der Bratpfanne an der Schläfe. Ich war nicht zu bremsen; welchen Schaden ich anrichtete, wie viel Krach ich machte, war mir völlig egal. Mein Arm schlug zu. Er stürzte zu Boden wie gehenkt.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Der furiose Erinnerungsmonolog „Die Frau, die gegen Türen rannte“ des irischen Booker-Preisträgers Roddy Doyle ist ein in seiner Musikalität hoch artistisches, tief berührendes und stellenweise verzweifelt-komisches Buch - und offenbar verlockend genug für Frankfurts Intendanten Oliver Reese, um daraus ein beherzt zusammengestrichenes Ein-Personen-Stück zu formen, das jetzt in den Kammerspielen unter Reeses Regie uraufgeführt wurde. Das Risiko freilich hielt sich in Grenzen, Paulas Suada nimmt einem beim Lesen zuverlässig den Atem, warum sollte es auf der Bühne anders sein?

          Paula schlägt sich frei

          Die Schauspielerin Bettina Hoppe, die eine Stunde und zwanzig Minuten lang auf einer riesigen cremefarbenen Turnmatte wie in einer Arena agiert und sie nur ganz selten verlässt, um Atem zu holen, Stille einkehren zu lassen oder einen Schluck aus der Plastikflasche zu trinken, spricht Paulas zwischen Beichte, Rechtfertigungsrede und Erinnerungsversuch changierenden Monolog dezent verwaschen, aber immer knapp vor einem Zornesausbruch stehend. Mit ihr, die inzwischen auch die Nachricht vom Tod ihres Mannes hinnehmen musste, legt man sich besser nicht an, heißt das, und so, wie sie als Schülerin den zudringlichen Banknachbarn gezüchtigt hat, strahlt sie auch jetzt wiedergewonnene Souveränität aus - „Hier kommt er nicht wieder rein“. Für ihr Trinken hat sie sich Regeln auferlegt, die wenigstens tagsüber Nüchternheit verheißen.

          All dies macht Bettina Hoppe vorzüglich, das Fuchteln wie die kleine Geste, das Zorngebrüll wie das Flüstern, die Augen mal aufgerissen, um die Intensität der Rede zu unterstreichen, mal blinzelnd im Scheinwerferlicht zusammengekniffen, weil die Situation, das eigene Tun öffentlich zu reflektieren, gar zu seltsam erscheint. Sie kann auch nichts dafür, dass in der Reduktion des zweihundert Seiten starken Romans vieles notgedrungen auf der Strecke bleibt, allem voran die Rolle von Paulas ihr in Hassliebe verbundenen Schwestern. Und natürlich ist es schwer, eine derart starke Romanvorlage völlig zu vergeigen, wenn man sie auf die Bühne bringt, nur dass man sich umgekehrt dann auch fragen muss, warum man sich überhaupt die Mühe macht. Das Buch tut es schließlich auch, und allzu viel Neues gewinnt die Inszenierung dem Stoff nicht ab, außer dass Paulas Bratpfannenattacke auf Charlo hier nahtlos in einen trotzigen Discotanz übergeht, als deutlich markierter Kontrast zum anfänglichen hölzernen Rumgehüpfe beim Kennenlernen ihres späteren Mannes: Paula schlägt sich frei.

          Der Grund des Übels

          Immerhin pickt sich Reese mit Paulas fortgesetzter und mitunter entsetzlich trauriger Konstruktion der eigenen Vergangenheit ein wesentliches Thema des Romans heraus, das dem Theaterabend dann als roter Faden dient. Und Paula, die ihre trotzig vorgebrachte Erinnerungen an eine glückliche Kindheit nur allzu rasch revidieren muss, die sich verzweifelt bemüht, das Traumbild eines liebevollen Vaters gegen die Evidenz eines desinteressierten Familienoberhaupts zu verteidigen, durchbricht hin und wieder diese Perspektive, von Bettina Hoppe mit leichtem Stocken markiert, und fragt sich, wie das Elend eigentlich seinen Anfang genommen hat: In der Schule, wo sie in die Klasse der Problemfälle gesteckt wurde? In der Nachbarschaft, wo Mädchen grundsätzlich als „Schlampen“ bezeichnet wurden? In der Ehe mit Charlo, über den sich Paula - „plötzlich war ich jemand!“ - dann definiert?

          Bis zum großen „Hier kommt er nicht wieder rein“ folgt Reese dem Roman. „Was jetzt“, fragt Nicola noch, „Frag mich was Leichteres“, antwortet Paula, vom Turnmattenrand aus, erschöpft, verschwitzt nach all dem Kampf mit Charlo, der Vergangenheit, mit sich selbst. Bei Roddy Doyle aber kriegt Paula noch ein Mal die Gelegenheit, ihr zahnarmes, unverschämtes Grinsen aufzusetzen, als sie daran denkt, wie sie Charlo im hohen Bogen vor die Tür gesetzt hat: „Es war ein tolles Gefühl. Ich hatte was Gutes hingekriegt.“

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