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Sartre am Burgtheater : Am Ort der Schmerzen ohne Tränen

  • -Aktualisiert am

Post mortem aus der Fassung geraten: Dörte Lyssewski zwischen Regina Fritsch und Tobias Moretti in Wien Bild: Matthias Horn

Höllenspiele: Martin Kusej inszeniert Jean-Paul Sartres „Huis Clos - Geschlossene Gesellschaft“ am Burgtheater in Wien.

          3 Min.

          Da sind wir also!“, stellt Joseph Garcin gleich zu Beginn von Jean-Paul Sartres Einakter „Huis Clos – Geschlossene Gesellschaft“ fest. In einen kargen Raum ist Garcin, der sich stets als „Journalist und Autor“ vorstellt, durch schier endlose Treppen, Gänge und Foyers geführt worden. Graue Wände, keine Fenster, verriegelte Türen. Nach kurzer Zeit kommen noch Inès Serrano, Angestellte bei der Post, und Estelle Rigault, reiche Erbin und Dame der Gesellschaft, hinzu. Sie alle sind tot, vor vermutlich nicht allzu langer Zeit verstorben, wann genau, wissen sie aber nicht mehr, daran verschwimmt ihre Erinnerung. Tot wie Türnägel, um mit Dickens zu sprechen, aber aus unterschiedlichen Gründen.

          Garcin wurde wegen Widerstandes – er war Herausgeber einer oppositionellen Zeitung – standrechtlich erschossen. „Zwölf Kugeln in meinen Körper!“, wie Tobias Moretti, der Garcin in dieser Inszenierung gibt, nicht nur erwähnt, sondern immer wieder auf Brust und Arme klopfend, wie um sich selbst der ungewohnten Situation zu versichern, vorführt. An Gas erstickt ist Inès. Gas, das ihre Geliebte Florence heimlich des Nachts aufgedreht hat, um Inès in den Tod mitzunehmen. Möglicherweise aber hat Florence diesen Suizidversuch überlebt, das wird nie wirklich klar, quält aber Inès, der hier Dörte Lyssewski ihren Körper leiht, noch zusätzlich. Auf welche Weise Estelle Rigault – ganz in Schwarz gekleidet (Kostüme: Werner Fritz), trägt Regina Fritsch als feine Dame sogar einen schwarzen Fuchspelzschal – zu Tode gekommen ist, wird nicht eindeutig gesagt. Wohl beim Begräbnis nach dem Selbstmord ihres Gatten – „Schuss mit der Pistole in den Kopf, das ganze Gesicht zerfetzt“ –, den sie mit einem jüngeren Mann betrog, bevor sie ihr Kind von jenem Liebhaber im See ertränkte. Der Liebhaber nahm sich das Leben, aber nicht ohne zuvor dem Gatten ein Geständnis abgelegt zu haben.

          Erlösung gibt es bei Sartre nicht

          Wenig überraschend gehen die drei einander nun auf die Nerven, selbst als alle aller anderen Geheimnisse kennen. Für alle Ewigkeit? Aber ja! Erlösung gibt es bei Sartre bekanntermaßen keine. „Die Hölle sind die anderen“, um die wohlbekannte Aussage dieses existenzialistischen Stückes zu zitieren. Nicht zu vergessen den vierten Charakter des Abends, den Garçon d’étage. Unerreicht zynisch im schwärzesten Frack zum blütenweißesten Hemd von Christoph Luser angelegt, tritt er diesmal unter dem Berufstitel Kellner, sonst eigentlich als Diener auf. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt noch von Traugott König, wurde aber offenbar im Wiener Burgtheater jetzt ein wenig zurechtgebürstet. Mit seinen nüchternen, scheinbar neutralen, in Wahrheit freilich boshaften Rückfragen bringt der Garçon d’étage die drei Höllenneuzugänge zusätzlich gegeneinander und aber, das lernen wir immer wieder an Abenden in geschlossener Gesellschaft, noch mehr gegen jeweils sich selbst auf.

          Direktor Martin Kušej inszeniert den knapp zwei Stunden währenden Einakter an der Rampe – dahinter eine raue, graue, raumhohe Wand aus Betonziegeln, ein leergeräumter Büffettisch und viele Kieselsteine am Boden, entworfen von Martin Zehetgruber –, in den ersten zwei Parkettreihen und in den vorderen Gängen im Auditorium des Burgtheaters. Fritsch, Luser, Lyssewski und Moretti können sich hier richtig austoben, die Gefühle ihrer Charaktere – abgesehen vom Garçon d’étage; der zeigt nur einmal Verwirrung, als die elektronische Klingel zum Rufen der „Dienstboten“ dann wider Erwarten doch funktioniert – herausbrüllen oder, auch das ist hier erlaubt, herausheulen. Nun, Tränen fließen allerdings keine, die gibt es in der Hölle nicht mehr.

          Pandemiebedingt nach wie vor maskiert

          Geschrieben am Beginn des Jahres 1944, uraufgeführt in Paris noch unter deutscher Besatzung, von dieser womöglich nicht wirklich verstanden, jedenfalls aber nicht nur nicht verboten, sondern gar gelobt, ist „Huis Clos – Geschlossene Gesellschaft“ Sartres wohl bekanntestes und erfolgreichstes Stück. Eigentlich ist das Burgtheater von der Bühnengröße her zu gewaltig dafür. Pandemiebedingt nach wie vor maskiert, finden im Haus am Ring knapp über eintausend Menschen Platz – und am Premierenabend Gefallen an dieser Aufführung.

          Zu Recht! Kušej verzichtet diesmal dankenswerterweise beinahe zur Gänze auf die in seinen jüngeren Inszenierungen leider schon zur Gewohnheit gewordenen Schwarzpausen und lässt sogar fast ständig von oben besonders helles Licht über dem ganzen Saal erstrahlen. Was das Theater zwar unnötig aufheizt, denn in Wien ist momentan auch der Februar viel zu mild für die Winterzeit, aber damit überträgt sich eine gewisse „Höllenstimmung“ durchaus auch aufs Publikum. Ein Coup gelingt dann noch mit der allerletzten Szene: „Also, machen wir weiter!“, sagt Garcin, und bei heller Beleuchtung versteinern die drei. Erst nach geraumer Zeit, zögerlich, dann schallend hebt stürmischer Applaus an. Für uns ist es zu Ende, Garcin, Inès und Estelle aber können nie mehr aufhören.

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