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„Hamlet“ in Bochum : Der Prinz ist noch nicht fertig mit der Probe

Hamlet allein in Helsingör: Sandra Hüller, der Monolog aller Monologe und ein Wörtchen, an das Shakespeare nicht gedacht hat. Bild: JU Bochum

Ein Engelsbalg mit Schwellenangst: Sandra Hüller spielt in Bochum den Hamlet unter der Regie von Johan Simons. In ihrer Darbietung entzieht sich die Schauspielerin jeglicher Kategorisierung.

          Johan Simons, der Intendant des Schauspielhauses Bochum, lässt Shakespeares „Hamlet“ in der Übersetzung von Angela Schanelec und Jürgen Gosch spielen und hat für seine Inszenierung starke Striche vorgenommen. Aber gegenüber der im Reclamheftformat gedruckten „Bochumer Fassung“ fügt seine Hauptdarstellerin Sandra Hüller ein Wörtchen hinzu, eine Silbe bloß: „Tja“.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Einfügung erfolgt dort, wo jeder Zuschauer den Text weitersprechen könnte, vor dem berühmtesten Monolog in der langen, hier etwas verkürzten Reihe der berühmten Monologe Hamlets. Tja, Sein oder Nichtsein – es ist so weit, in jeder „Hamlet“-Aufführung, auch bei noch so ungerührt dezimiertem Text, kommt der Moment, da man diese Frage über sich ergehen lassen muss. Aber etwas ist anders. Mit dem ironischen Auftakt, dem gesprochenen Anführungszeichen für das zu Tode Zitierte, gibt Sandra Hüller dem Unausweichlichen eine unerwartete Wendung. Sein oder Nichtsein, das ist die Frage – wem sagt sie das?

          Eine solche Frage hat womöglich keine Antwort, aber sie muss einen Adressaten haben, sonst ist sie vollständig sinnlos. Hüllers Hamlet richtet die Frage an Claudius, seinen Stiefvater, den bösen König. Das ist apart gedacht, wirkt szenisch aber ganz natürlich. Denn Claudius ist hier und jetzt Publikum für Hamlet: Der Protagonist steht vorne am Bühnenrand, am klassischen Ort für den Monologiker, und Stefan Hunstein, der Darsteller des Claudius im weißen Fellmantel des bösen Hirten, sitzt im Parkett in der ersten Reihe.

          „Sterben – schlafen, mehr ist es nicht.“

          Sandra Hüller spricht den Monolog leise, nicht zur Markierung eines Selbstgesprächs, sondern im Ton familiärer Vertrautheit. Dem Onkel, den Hamlet des Brudermords verdächtigt, legt er nahe, ihm müsse sich die Frage stellen, ob er am Leben bleiben oder lieber tot sein wolle. Machte Claudius sich die Frage zu eigen, käme das einem Geständnis gleich, ohne dass er eine Antwort geben müsste. Hamlet souffliert ihm den sanften Ausweg des selbstgewählten Gnadentodes: „Sterben – schlafen, mehr ist es nicht.“

          Die Verteilung der Personen im Raum ist in dieser Inszenierung nicht durchweg realistisch zu lesen, als Abbild des darzustellenden Geschehens wie im Kino. „Hamlet“ ist ein Drama, das bei Hofe spielt: Intrigen treiben die Handlung voran. Der Prinz stellt dem König eine Falle, indem er ein Theaterstück aufführen lässt, das zeigen soll, wie der König auf den Thron gekommen ist. Der König zieht die Freunde des Prinzen auf seine Seite und gibt ihnen den Auftrag, ihn aus dem Land und aus dem Leben zu befördern. Die Fallen können nur zuschnappen, wenn die Opfer ahnungslos sind. In Bochum finden die Verabredungen vor Zeugen statt, und auch die Eheleute Gertrud und Claudius oder die Spielkameraden Hamlet und Ophelia haben die Bühne nicht für sich. Die Figuren haben keine Geheimnisse voreinander und sind füreinander dennoch ein Rätsel.

          Das Auf und Ab der Mithörer und Zugucker darf man, wie gesagt, nicht wie einen Kriminalfilm auswerten, als erhielte man Informationen über den Informationsstand der Akteure. Die zeitweiligen Statisten, die laut Textbuch auf der Bühne nichts verloren haben, sind für ihre Mitspieler unsichtbar, anwesend und abwesend zugleich – wie Gespenster. Wenn man so will, kehren in ihnen die Gespenster zurück, die Simons durch rationalistische Interpretation gestrichen hat: Hüllers Hamlet spricht den Geist des Vaters selbst, mit tiefer Stimme.

          Den Effekt des Durcheinanders auf der leeren Bühne

          Die Schattengesellschaft vor den Kulissen macht den Status des Geschehens zweifelhaft. Diese oder jene Szene könnte eine Projektion sein. Wenn Hamlet sich bei einem Monolog des Claudius an dessen Fersen heftet und Sandra Hüller sich Stefan Hunsteins Bewegungen anschmiegt wie ein Schutzengel, dann erscheint er in der Pantomime wie ein Puppenspieler oder Coach, den man mindestens für einen Mitautor der Rede des Claudius halten müsste.

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