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Sandra Hüller im Gespräch : Vorhang auf, alles raus!

  • Aktualisiert am

Sandra Hüller ist 2006 mit ihrer Rolle im Film „Requiem“ von Hans-Christian Schmid bekanntgeworden. Aber auch im deutschen Theater ist sie ein Star. Bild: Müller, Andreas

Schauspielerin Sandra Hüller, die wie keine zweite in diesem Jahr das deutsche Theater regierte, spricht im Interview über ihren Schwächeanfall beim fünfzigsten Berliner Theatertreffen und ihre Abneigung gegen Smartphones.

          Wenn es in diesem Jahr ein Gesicht des deutschsprachigen Theaters gab, war es das von Sandra Hüller: Für ihre Rolle einer Maximilianstraßen-Shopping-Queen in Elfriede Jelineks „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“, dem Jubiläumsstück der Münchner Kammerspiele, gewann sie alle möglichen Preise. Mit beeindruckender Mehrheit wurde sie von Kritikern zum zweiten Mal zur „Schauspielerin des Jahres“ gewählt. Sandra Hüller war auch das Gesicht des fünfzigsten Berliner Theatertreffens: Per Video führte sie bei der Jubiläumsbustour spöttisch durch Stadt- und Theatergeschichte. Als Moderatorin der „Gala“ klappte sie dann aber irgendwann zusammen.

          Was ist an dem Abend eigentlich los gewesen?

          Es sah dramatischer aus, als es war: Ich hatte einfach zu wenig gegessen. Wir hatten zu der Zeit eine sehr anstrengende Produktion in München, „Seltsames Intermezzo“, dann bin ich nach Berlin, um Jelinek zu spielen, hatte noch andere Termine und dann nicht aufgepasst.

          Ihre Rolle als Jelinek-Double in „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ erschien noch toller, weil der Abend sich nach der Pause so wandelte: Da ging es nicht mehr um Sie. Da wollte Ihr Kollege Benny Claessens als Rudolph Moshammer einfach nicht sterben.

          Ich finde ja gerade das so toll an der Inszenierung. Wahrscheinlich denkt jeder im Saal irgendwann einmal: Stirb endlich! Wenn ich als Zuschauerin zu Moshammers Zeiten schon eine Bürgerin der Stadt München gewesen wäre, hätte ich mich aber doch sofort gefragt: Wie bin ich mit diesem Mann umgegangen? Und wie gehe ich überhaupt mit Menschen um, deren Lebensentwurf oder Sexualität ich nicht verstehe? Moshammer war ja nicht everybody’s darling. Und doch war er eine Zeitlang so etwas wie der einzige große Prominente der Stadt. Aber das passiert in München nicht. Da denken die Leute, das ist Zufall, das nervt, das ist schlecht inszeniert von Johan Simons. Es hat bei mir eine Weile gedauert, bis ich kapierte: Die Zuschauer denken wirklich, der nervt uns.

          Wie ist es überhaupt in München, an der Maximilianstraße?

          Ich habe mich schon immer gewundert, wie so ein Theater in so eine Straße gerät. Dann habe ich gelernt, dass erst das Theater da war und dann die Straße. Ich gehe aber durch den Bühneneingang auf der Rückseite ins Theater und habe mit dem Luxus vorne so gar nichts zu tun. Dass ich mich in München so wohl fühle, hat mit dem Haus zu tun, diesem Fixstern für mich.

          Was lieben Sie eigentlich so sehr am Theater, dass Sie ihm treu bleiben?

          Ich mag einfach den Umgang miteinander. So etwas gibt es nirgendwo sonst, auch nicht beim Film. Am Theater sieht man sich über einen längeren Zeitraum und erlebt tatsächlich etwas von den Leuten. Der Zusammenhalt, der interessiert mich, da bin ich ganz Ostlerin: dass man einander vertrauen kann – auch wenn ich weiß, dass das vergänglich ist. Dieses Ensemble an den Kammerspielen ist absolut spektakulär, da muss ich auf der Bühne nie Angst haben.

          Nun hat Ihr Intendant Johan Simons seinen Vertrag nicht verlängert. Matthias Lilienthal wird 2015 sein Nachfolger. Und was machen Sie?

          Ich habe ein Problem! Am liebsten würde ich in der Stadt bleiben und weiter mit Johan zusammenarbeiten – aber wie soll das gehen?

          Für Ihre erste richtige Hauptrolle in einem Spielfilm haben Sie 2006 gleich den Silbernen Bären bei der Berlinale bekommen, das war die Michaela in „Requiem“ von Hans-Christian Schmid. Gab es noch mehr solche Aschenputtel-Momente in Ihrem Leben?

          Die gab es tatsächlich öfter. Ich hatte immer viel Glück. Allein, dass ich, da hatte ich noch kein Abitur, sofort bei der Ernst-Busch-Schule genommen wurde, war ja so eine Unvorstellbarkeit.

          Sie waren jetzt auch in „Finsterworld“ von Frauke Finsterwalder und Christian Kracht zu sehen: als Dokumentarfilmerin, die an den Menschen verzweifelt und es jetzt mit Tierfilmen versucht. In der letzten Szene starren Sie in Safariuniform rauchend auf den Kilimandscharo. Können Sie erklären, worum es in dem Film geht?

          Nein, obwohl ich Ihnen jede einzelne der Episoden erzählen kann. Frauke Finsterwalder und Christian Kracht haben immer betont, dass es um die Unmöglichkeit von Kommunikation geht. Die Figuren in dem Film fassen sich so gut wie nie an. Dass tun sie heute in Filmen überhaupt sehr wenig – und wenn, dann hat es immer gleich ganz viel zu bedeuten. Nichtkommunikation und Vereinzelung, darum ging es ja auch viel in „Gasoline Bill“ von René Pollesch hier an den Kammerspielen, meiner ersten Arbeit mit ihm.

          Wie hat das funktioniert? Am Anfang Ihrer Karriere haben Sie noch gesagt, dass Sie Klarheit wollen, Charaktere, die die Zuschauer verstehen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was Pollesch am Theater interessiert.

          Das hat gut funktioniert. Ich bin ja sehr neugierig und hatte mir auch schon länger gewünscht, mit René Pollesch zu arbeiten. Ich wollte einfach wissen, wie das ist.

          Und, wie ist es?

          Interessant. René Pollesch hat Vorstellungen vom Theater, die mit meinen persönlichen Erfahrungen so gar nichts zu tun haben. Er will – wenn ich das richtig verstanden habe, ich bin da Anfängerin – gegen eine Theaterroutine angehen, die ich gar nicht kenne, kämpft zum Beispiel gegen das diktatorische Gehabe von Regisseuren, das ich nicht kenne und nicht bekämpfen muss. Sein Theater hat etwas von Kleists „allmählicher Verfertigen der Gedanken beim Reden“, weil man sehr oft mitten in einem Satz noch überhaupt keine Ahnung hat, wohin der führen und wie er enden wird.

          Noch einmal zurück zu „Finsterworld“: Sind Sie tatsächlich für diese eine letzte Szene nach Tansania geflogen?

          Ja, für einen Tag. Ich fand das auch unfassbar, dass ich das machen durfte. Wir durften nach dem Dreh sogar noch ein wenig auf Safari gehen.

          Haben Sie manchmal Fernweh?

          Nein, ich habe eher Heimweh, nach meiner Familie.

          Lebt die noch in Friedrichroda im Thüringer Wald?

          Nein, die sind heute alle über Thüringen und Sachsen verstreut. Es ist komisch, aber es gibt keinen Ort mehr, von dem ich herkomme. Der erste Wohnort meiner Eltern, das Haus in Oberhof, gibt es nicht mehr. Und das in Friedrichroda, wo ich zur Schule ging, gehört heute anderen Leuten. Gerade weil es alles weg ist, fehlt es mir wohl so.

          Wie alt waren Sie, als die Mauer fiel?

          Elf. Das war ein Riesenschock, da hörte mit einem Schlag die Kindheit auf – und das war zu früh. Von einem Tag auf den anderen war das Land nicht mehr da, dessen Regeln man gelernt hat und das einem ja auch einen gewissen Ablauf des Lebens vorgegeben hat. Schulkarriere, Studium. Für mich war prägend, die Erwachsenen auf einmal in so einer Angst zu erleben. Mein Zweifel oder meine Vorsicht dem Leben gegenüber, bestimmten Aussagen oder Tatsachen gegenüber, so bescheuert sich das jetzt anhört, der kommt daher. Ich weiß seitdem: Von einem Tag auf den anderen kann sich alles ändern. Ich weiß noch, dass ich plötzlich Angst davor hatte, dass wir auf der Straße sitzen. Und das ist ein Gedanke, den muss ein Kind nicht mit elf haben.

          Hat Sie diese Erfahrung umso zielstrebiger gemacht?

          Wirke ich so? Ich hatte nie einen Karriereplan. Das, was Sie so empfinden, ist bei mir eher eine Arbeiterhaltung. Ich komme aus einer sehr bodenständigen Familie, Bauern, Weber, hart arbeitende Leute. Ich bin so erzogen worden: Was man anfängt, dass macht man auch zu Ende. Aber Sicherheit verschafft einem diese Haltung auch nicht.

          Sie sind doch so umworben: Gab es überhaupt mal Dinge, die beruflich nicht klappten?

          Klar gab es Absagen, das gehört dazu. Ich habe zum Beispiel auch dem Regisseur Bora Dagtekin für „Fack ju Göthe“ vorgesprochen ... Doch, ist so!

          Kratzt das am Ego?

          Nein, bei mir nicht. Es hat ja nichts mit mir zu tun. Man merkt ja selber sofort, wenn die Regisseure sich etwas anderes vorstellen. Es sind ihre Vorstellungen, es ist ihr Film, in die die Schauspieler passen müssen. Außerdem habe ich im Moment keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Ich glaube, bis November 2014 kann ich Ihnen jetzt schon sagen, was ich an jedem einzelnen Tag tun werde. Es gibt auch diesmal keinen Urlaub im Sommer ... (Schweigen.)

          Warum tun Sie sich das an?

          Weil es tatsächlich so interessante Sachen sind, die anstehen. Außerdem habe ich mich zuletzt wirklich zurückgehalten, auch weil ich eine Tochter bekommen habe. Jetzt – sie ist drei Jahre alt – möchte ich aber noch mal wissen, wo wirklich meine Grenze ist: Ich fahre jetzt schon länger innerlich mit angezogener Handbremse.

          Sie twittern nicht. Auf Facebook habe ich eine Seite von Ihnen gefunden, die aktuell auch 390 Menschen gefiel, obwohl da nur ein einziger Satz steht: „Sandra Hüller ist eine deutsche Schauspielerin“.

          Na ja, ich mache meine Termine am Computer und frage mich schon seit mehreren Monaten, ob ich mir nicht endlich mal so ein Smartphone zulegen soll, allein, um meine Kleinfamilie besser zu organisieren. Andererseits wäre ich dann wieder Teil einer Community, und der Gedanke allein geht mir schon wieder auf die Nerven.

          Sie halten also eisern an Ihrem Papierkalender fest?

          Ja, und ich würde es am liebsten auch weiter so halten. Wenn nämlich hier alles mal zusammenkracht, das ganze Netz, dann werden die Leute froh sein, wenn sie noch wissen, dass es da ein Buch gibt, in dem alle Telefonnummern stehen. Ich war aber früher durchaus bei Facebook, doch das Suchtpotential, dass ich bei mir festgestellt habe, war mir zu groß. Ich habe heute eine große Sehnsucht, Ballast abzuwerfen und alles Digitale zu meiden, aber das ist, so hektisch, wie das Leben gerade ist, leider nicht möglich.

          Welchen Unsinn gönnen Sie sich denn überhaupt?

          Klatschzeitschriften, einmal die Woche. Das ist meine Seifenoper. Mein Fußball.

          Das Gespräch führte Volker Corsten.

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