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Sandra Hüller im Gespräch : Vorhang auf, alles raus!

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Elf. Das war ein Riesenschock, da hörte mit einem Schlag die Kindheit auf – und das war zu früh. Von einem Tag auf den anderen war das Land nicht mehr da, dessen Regeln man gelernt hat und das einem ja auch einen gewissen Ablauf des Lebens vorgegeben hat. Schulkarriere, Studium. Für mich war prägend, die Erwachsenen auf einmal in so einer Angst zu erleben. Mein Zweifel oder meine Vorsicht dem Leben gegenüber, bestimmten Aussagen oder Tatsachen gegenüber, so bescheuert sich das jetzt anhört, der kommt daher. Ich weiß seitdem: Von einem Tag auf den anderen kann sich alles ändern. Ich weiß noch, dass ich plötzlich Angst davor hatte, dass wir auf der Straße sitzen. Und das ist ein Gedanke, den muss ein Kind nicht mit elf haben.

Hat Sie diese Erfahrung umso zielstrebiger gemacht?

Wirke ich so? Ich hatte nie einen Karriereplan. Das, was Sie so empfinden, ist bei mir eher eine Arbeiterhaltung. Ich komme aus einer sehr bodenständigen Familie, Bauern, Weber, hart arbeitende Leute. Ich bin so erzogen worden: Was man anfängt, dass macht man auch zu Ende. Aber Sicherheit verschafft einem diese Haltung auch nicht.

Sie sind doch so umworben: Gab es überhaupt mal Dinge, die beruflich nicht klappten?

Klar gab es Absagen, das gehört dazu. Ich habe zum Beispiel auch dem Regisseur Bora Dagtekin für „Fack ju Göthe“ vorgesprochen ... Doch, ist so!

Kratzt das am Ego?

Nein, bei mir nicht. Es hat ja nichts mit mir zu tun. Man merkt ja selber sofort, wenn die Regisseure sich etwas anderes vorstellen. Es sind ihre Vorstellungen, es ist ihr Film, in die die Schauspieler passen müssen. Außerdem habe ich im Moment keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Ich glaube, bis November 2014 kann ich Ihnen jetzt schon sagen, was ich an jedem einzelnen Tag tun werde. Es gibt auch diesmal keinen Urlaub im Sommer ... (Schweigen.)

Warum tun Sie sich das an?

Weil es tatsächlich so interessante Sachen sind, die anstehen. Außerdem habe ich mich zuletzt wirklich zurückgehalten, auch weil ich eine Tochter bekommen habe. Jetzt – sie ist drei Jahre alt – möchte ich aber noch mal wissen, wo wirklich meine Grenze ist: Ich fahre jetzt schon länger innerlich mit angezogener Handbremse.

Sie twittern nicht. Auf Facebook habe ich eine Seite von Ihnen gefunden, die aktuell auch 390 Menschen gefiel, obwohl da nur ein einziger Satz steht: „Sandra Hüller ist eine deutsche Schauspielerin“.

Na ja, ich mache meine Termine am Computer und frage mich schon seit mehreren Monaten, ob ich mir nicht endlich mal so ein Smartphone zulegen soll, allein, um meine Kleinfamilie besser zu organisieren. Andererseits wäre ich dann wieder Teil einer Community, und der Gedanke allein geht mir schon wieder auf die Nerven.

Sie halten also eisern an Ihrem Papierkalender fest?

Ja, und ich würde es am liebsten auch weiter so halten. Wenn nämlich hier alles mal zusammenkracht, das ganze Netz, dann werden die Leute froh sein, wenn sie noch wissen, dass es da ein Buch gibt, in dem alle Telefonnummern stehen. Ich war aber früher durchaus bei Facebook, doch das Suchtpotential, dass ich bei mir festgestellt habe, war mir zu groß. Ich habe heute eine große Sehnsucht, Ballast abzuwerfen und alles Digitale zu meiden, aber das ist, so hektisch, wie das Leben gerade ist, leider nicht möglich.

Welchen Unsinn gönnen Sie sich denn überhaupt?

Klatschzeitschriften, einmal die Woche. Das ist meine Seifenoper. Mein Fußball.

Das Gespräch führte Volker Corsten.

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