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Peer Gynt am Deutschen Theater : Hier müsste mal einer durchlüften

  • -Aktualisiert am

Luftikus, an die Erde gefesselt: der virtuose Samuel Finzi als zaudernd-hadernder Peer Gynt am Deutschen Theater Berlin. Bild: Barbara Braun/drama-berlin.de

Samuel Finzi mögen manche als schrägen Psychologen aus dem Fernsehen kennen. In Ivan Panteleevs „Peer Gynt“ am Deutschen Theater Berlin spielt er einen Abenteurer als Philosophen.

          3 Min.

          Ein Peer ohne Zwiebel. Ohne Häutung, ohne Schichten. Von Anfang an nackt. Trotz Anzug und Hemd. So steht er im Schnee, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Hände weit von sich gestreckt: Er ist gekommen, die Wirklichkeit zu umarmen, sie hochzuheben und wild durch die Luft zu wirbeln. Er will mit Trollen spielen und Hexen treffen. Bäume fällen, Böcke jagen, Bräute rauben – das ist sein Metier. Und die Träume – auf sie setzt und vertraut er. Unbedingt und vor allem will er aber ein neuer Mensch werden, mit Stolz in den Augen wiederkehren. Und darf doch nicht einmal ein bisschen mit Blütenstaub spielen, hier, an diesem Kammerspiel-Abend am Deutschen Theater in Berlin, an dem Kargheit und Ernst den Ton angeben. Wo es um den psychologischen Gehalt geht, nicht ums Märchen.

          Weißes Pulver auf der Bühne

          Auf die leere Bühne (Johannes Schütz) ist weißes Pulver gestreut, das jaulend unter den Sohlen quietscht. Einziger Rückzugsort ist eine kleine Hütte auf Skiern, aus Ästen und Backpapier, auf dem die Schatten hin und her springen wie tanzende Geister. Drinnen hockt Ase, die Mutter, und schimpft auf ihren Sohn: „Peer, du lügst“, brüllt sie, und verflucht den ewigen Phantasten, der hemmungslos erfindet und in allem täuscht. Der sich an fremden Frauen vergreift und nur an sich denkt. Den sie trotzdem liebt und gegen alle anderen verteidigt. Später, wenn er an ihrem Totenbett sitzt und sie mit auf eine seiner „Fantasie-Reisen“ nimmt, in der ruckelnden Kutsche durch den Moorwald hin zum „Soria-Moria-Schloss“, wo hinter hellerleuchteten Fenstern die Toten tanzen und Petrus das Tor bewacht, klammert sie sich fest an ihn, so fest, dass er gar nicht mehr von ihr loskommt.

          Von nun an wird die Mutter ihm immer wieder begegnen, nicht nur in Solvejg, der treuen Bauerntochter, die sich für Peer entscheidet und in deren Hoffnung und Liebe er weiterlebt all die Jahre, in denen er fort ist. Sondern – hier in der Inszenierung von Ivan Panteleev – auch in allen anderen Figuren, denen er auf seiner langen Reise begegnet, vom Trollkönig bis zum Knopfgießer. Immer wieder ist es die Mutter (pausbäckig-zärtlich bis gutsherrinnen-spöttisch gespielt von Margit Bendokat), die ihm aus fremden Gesichtern entgegenschaut, die ihn an seine Herkunft, an den Wert schützender Liebe erinnert. Und die ihn jede andere Bindung rasch wieder lösen lässt.

          Komm in meinen Wigwam: Margit Bendokat und Samuel Finzi spielen den ganzen „Peer Gynt“.

          Darum, um Peers ödipale Fixierung an die Mutter, scheint es der Regie an diesem Abend vor allem zu gehen. Und nicht um die sonst immer behandelte Frage nach der Peerschen Selbstfindung, dem Gyntschen Ich. Deshalb auch keine bunte Palette an Weltwundererlebnissen. Deshalb auch keine Zwiebel. Peer, gespielt vom großartigen Stimm- und Gestenvirtuosen Samuel Finzi, ist hier ein angestrengter Denker, der die Stirn in Falten legt und dem beim Prahlen die Stimme bricht. Er hat nichts vom frechen Abenteurer, ist mehr zögernder Philosoph, gebeutelter Dekonstruktivist. Seine Hände wägen jedes gesprochene Wort vorsichtig ab. Er traut sich selbst nicht. Ist sich in keinem Falle genug.

          Bei der Erlösung am Ende, wenn Solvejg ihn, den vom Träumen müden Rückkehrer, glücklich und ohne Groll wieder aufnimmt, wendet er sich ungläubig ab, kehrt dem romantisch-märchenhaften Zauber den Rücken und verschwindet im Nichts. Ein Zeichen für die ganze Inszenierung. Sie glaubt nicht an Ibsens Zauberkraft. Gibt alle Irrlichter, alles funkelnd Rätselhafte verloren für einen kühlen Essentialismus. Und legt eine seltsame Trostlosigkeit über das ganze Geschehen. Es wirkt so, als ob noch ein Stimmungsrestdunst aus Becketts „Warten auf Godot“, das Panteleev hier am Haus zuletzt in Szene setzte, im Raum waberte. Als hätte niemand zwischendurch richtig durchgelüftet.

          Und so kann dieser Peer nie frei atmen, immer drückt ihm eine Melancholie des Nicht-Ausreichens auf die Brust, er muss andauernd zweifeln und hadern, darf nie springen und rasen. Panteleev hat die alte Schaubühnen-Fassung (die 1971 unter der Regie von Peter Stein an zwei Tagen gespielt wurde) auf gut eindreiviertel Stunden eingekürzt. Und doch wirken die Szenen, die jeweils nur mit wenigen Sätzen kurz angedeutet ineinander wehen, so zäh und langsam wie unter Zeitlupe gesetzt. Panteleev hat Ibsens strahlende Weltanschauungsdichtung auf eine psychologische Fallstudie heruntergedimmt. Dabei ist ihm alle Naivität des Märchenhaften, alles Triviale, Stürmische des Stücks verlorengegangen. Übrig geblieben ist die Essenz, der verkopfte Rest.

          Ergriffen wird man davon trotz zweier großartiger Schauspieler nur selten. Ungeachtet der kurzen Spieldauer bleiben nicht alle Zuschauer bis zum Ende. Zweimal knallen die Türen. Und auch der Schlussapplaus ist nur mäßig. Vom Regisseur dreht sich Finzi beim Verbeugen weg. Das war mehr Studie als Spiel. Mehr Zwang als freie Bewegung. Dabei wäre doch so viel möglich gewesen, hätte man ihn Anlauf nehmen und abspringen lassen. Diesen Peer. Dann hätte man auch die Zwiebel nicht vermisst.

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