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Barbers „Vanessa“ in Magdeburg : Tante, der schmucke Kerl ist für dich

  • -Aktualisiert am

In einem Haus im hohen Norden wird Besuch erwartet: die Sängerpaare Emilie Renard mit Frank Heinrich (links) und Richard Furman mit Noa Danon. Bild: Andreas Lander

Unter Eiszapfen: Magdeburg zeigt die selten gespielte Oper „Vanessa“ von Samuel Barber als diesseitige Story im Glanz großer Stimmen.

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          Schnee ist zurzeit ein beliebtes Sinnbild für Katastrophen, seien sie klimatischer oder psychischer Natur. Der äußeren Vereisung entspricht die innere – Eingeschlossensein, Ausweglosigkeit, alles lässt sich in hübsche Bilder von rieselnden Flocken oder spitzen Eiszapfen packen. „Schneit es noch immer?“, lässt denn auch Gian Carlo Menotti Vanessas Nichte Erika fragen, als sie sich ganz allein in den obersten Stock des riesigen Hauses zurückzieht.

          Der zeitweise sehr populäre Opernkomponist schrieb seinem Lebensgefährten Samuel Barber das Libretto für dessen erste Oper „Vanessa“, ein düsteres Kammerspiel Strindbergscher oder Ibsenscher Prägung, angeregt von den „Seven Gothic Tales“ der dänischen Autorin Karen Blixen.

          Im Kopf hatte der Librettist während der Arbeit auch Tschechows „Kirschgarten“, das Lieblingsstück seines Freundes. In den hohen Norden ist Vanessas einsames Haus verfrachtet, in dem sie seit zwanzig Jahren die Rückkehr ihres Geliebten Anatol erwartet. Wie in Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“ hat sie sich ihre Jugend und Schönheit bewahrt, wie in Lorcas „Bernarda Albas Haus“ führt sie ein eisernes Regiment unter den Frauen dreier Generationen, wie in Poes „Untergang des Hauses Usher“ geht es, bei völligem Realitätsverlust, um den Zerfall einer Familie.

          Das Ensemble in der Schneekugel

          Anreiz genug für Karen Stone, Intendantin der Oper Magdeburg, sich des selten gespielten Werkes anzunehmen, dessen zwei Fassungen 1958 und 1965 an der Metropolitan Opera New York herauskamen und das als eher konservativ gehalten in der noch jungen amerikanischen Opernszene nicht aneckte, aber vor allem in Europa nicht weiter bekannt wurde. Erst in jüngster Zeit scheint man die Rarität (wieder) zu entdecken. Stoff genug bietet sie aber auch für surreale Phantasien, Dimensionen des Unheimlichen und Unerklärlichen. Nicht so in Magdeburg.

          Einzig der Bühnenbildner Ulrich Schulz versucht sich in Symbolhaltigkeit, indem er das ganze Geschehen in einer überdimensionalen Schneekugel spielen lässt und aus überdimensionalen Fenstern den Ausblick auf vereistes, unwegsames Gebirge gestattet. Und zum Schluss schneit es, wie gesagt, dann auch. Das könnte das Irreale der Handlung unterstreichen, kommt über etwas müde Andeutungen jedoch kaum hinaus. Ansonsten ist die Szenerie taghell, mit einem Hauch von Luxus bühnentauglicher geschwungener Treppen und Plateaus – lediglich ein paar Beleuchtungstricks geben ihr etwas Eisiges.

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          In solcher Diesseitigkeit erweist sich Stone als geschickte, psychologisch detailgenau ausdeutende Personenführerin. Das vorzügliche Sängerensemble folgt ihr auch darstellerisch überzeugend. Noa Danon gibt der Vanessa die kühl-elegante, zugleich hysterisch-herrische Statur mit innerlich glühendem hohem Sopran.

          Dass sie nicht wahrhaft lieben kann, bereit ist, für ein vermeintliches Glück jede Lüge, die totale Ignoranz ihrer Mitmenschen, auf sich zu nehmen, zeigt jedes ihrer hochfahrenden Melismen. „Vanessa“ heißt „Schmetterling“, doch ein wenig „Vanitas“ klingt im Namen auch an.

          Die Herbe, der Schuft und die Baronin

          Mehr Anteilnahme zieht ihre Nichte Erika auf sich, von Emilie Renard mit lyrischerer, doch dramatisch steigerungsfähiger Stimme verkörpert. Erika ist diejenige, die sich verführen lässt – nicht Anatol ist gekommen, sondern sein Sohn, was Vanessa jedoch schnell ausblendet. Die herbe, radikale Erika durchschaut den Hallodri und tritt zugunsten ihrer Tante zurück – „die so lange auf so wenig warten musste.“

          Der Tenor Richard Furman kann mit den Frauen sängerisch nicht ganz mithalten – was vielleicht kein großer Mangel ist bei einem, der hinter schönem Schein und Dauerlächeln auch immer seine Schuftigkeit erkennen lässt. Nuancen echten Gefühls zeigt auch er nach Erikas Selbstmordversuch – doch wo das Geld ist, fällt die Liebe hin.

          Die Dritte im Bunde der eingeschlossenen Frauen ist die alte Baronin, Vanessas Mutter: Undine Dreißig singt nur wenige Töne, doch ihr Mienenspiel ist sarkastisch-geheimnisvoller Kommentar – „wie ein mürrischer griechischer Chor“, bemerkte Menotti. Ihr Pendant ist der alte Doktor (würdevoll-integer: Roland Fenes), der sich über die seltsamen Veränderungen im Hause sorgt und sie doch seufzend hinnimmt.

          Liebeswahn und Täuschung

          In hochexpressive Klänge hat Barber dies alles gesetzt, trotz aller nur zaghaft modernisierten Anleihen bei Puccini und Strauss – auch ein wenig Gershwin spukt herum – mit durchaus eigenem Ton. Die einzelnen Charaktere setzt er plastisch voneinander ab – Barber kann Lügen komponieren und unterläuft das hochgespannte Schwelgen mit trockenen Repetitionen und plötzlichen Dissonanzen.

          Ein chromatisch bohrendes, gnadenlos anwachsendes Motiv beschreibt Erikas Gefühlskonflikte. Ein Höhepunkt ist die Festmusik zu Vanessas Verlobung mit Anatol, ein immer wieder von dramatischen Ausbrüchen gestörtes, ironisch-kontrapunktisches Walzertreiben.

          Hier macht auch der elegant kostümierte Opernchor beste, amüsante Figur. Der von Svetoslav Borisov geleiteten Magdeburgischen Philharmonie – hier in ihrer Beweglichkeit extrem gefordert – gelingt es zunehmend, den üppig-sinnlichen, farbenreichen Orchesterpart transparent zu durchleuchten und tragfähige Balance mit den Sängern zu erreichen.

          Die treten zum Schluss zur großen, bilanzierenden Ensemble-Szene zusammen, die keinen Vergleich zu großen Vorbildern wie Mozart oder Verdi scheuen muss: „Sich verlassen, sich trennen, sich finden, sich halten, zu bleiben, zu warten, zu hoffen, zu träumen, zu weinen und sich zu erinnern – zu lieben bedeutet all dieses, doch nichts davon ist die Liebe.“ Was Liebeswahn und Täuschung ist, lässt sich in Magdeburg facettenreich erfahren.

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