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Osterfestspiele in Salzburg : Zwischen Bühne und draußen

  • -Aktualisiert am

Stolzing (Klaus Florian Vogt) foppt Beckmesser (Adrian Eröd) Bild: dpa

In Salzburg lässt Christian Thielemann die Staatskapelle Dresden zu Richard Wagners „Meistersingern von Nürnberg“ aufblühen. Die Regie von Jens-Daniel Herzog führt in die Lokalpolitik.

          Vielleicht hat die Welt wieder genau solche „Meistersinger“ gebraucht nach all denen, die uns ständig ungefragt, aber überdeutlich erklärt haben, was Richard Wagner eigentlich für ein schlimmer antisemitischer und protofaschistischer Finger war. Oft schien da leises Bedauern mitinszeniert, warum just ein solch unangenehmer Typ so großartige Musik geschrieben hat. Hier schafft Jens-Daniel Herzogs Salzburger Osterfestspiel-Inszenierung, die den Stoff quasi in die mittelfränkische Lokalpolitik zurückholt, Entlastung, weil der Blick, gestützt durch Mathis Neidhardts stimmungsvolle Bühnenbilder und Sibylle Gädekes treffsicher differenzierte Kostüme, wieder freier wird: hin zum privaten Elend unerfüllter Anerkennungs- und Liebeshoffnungen, aus dem die Oper ihr Mitgefühl wie ihre Desillusionierung bezieht und dessen Auswirkungen nicht weniger nachhaltig sind als die großer Volksreden.

          Deren umstrittenste hält Hans Sachs ganz am Ende, um den Quäl- und Quergeist Walther von Stolzing womöglich doch noch für die dringend benötigte Auffrischung der Bildungsbürgergesellschaft einzufangen. Herzog macht daraus ein Privatissimum unter vier Augen, wobei der Mentor, verzweifelt-ausgehöhlt, schließlich als letztes Mittel seine nationalpatriotische Moral-Breitseite abfeuert. Verzweifelt, weil er hier erstens einen erotischen Rivalen anfüttern muss, der ihn, den keineswegs unattraktiven Middle Ager, bei der gewitzten und für die Selbstverwirklichung zu beträchtlichen Fiesheiten fähigen Eva (Jacquelyn Wagner hat dafür die entsprechend beherrschte, eher resolut zupackende als keusch mädchenhafte Stimme) ziemlich anstrengungslos ausgeknockt hat; und außerdem, weil er spürt, dass das ganze Kunstwesen bei diesen Meistersingern als sektschlürfendem, sich selbst mächtig gemeinnützig fühlendem Sponsorenverein à la Rotary letztlich doch keine wirkliche Perspektive hat.

          Heimatlose Seele

          Georg Zeppenfeld, der das singt, ist ein gedankenklar agierender wie artikulierender Sänger; keine sonore Gesetztheit, sondern Offenbarung einer tief verunsicherten, heimatlosen Seele – und damit das direkte Gegenbild zum genialischen, aber irrlichternd arroganten und auch körperlich schnell übergriffigen Walther. Klaus Florian Vogt spielt dessen jugendliche Generalschnurzigkeit hervorragend und widerspricht damit in gewisser Weise seiner samtig leuchtenden (manchmal etwas lässig artikulierenden) Hemisphärenstimme – aber man hört natürlich trotzdem gern hin. Das trifft auch für Pogner zu, bei dem Vitalij Kowaljow die Akzente zwischen weicher Pianissimo-Gefühligkeit und machtvollem Auftrumpfen nicht immer ganz sinnfällig setzt, und ebenso bei Sebastian Kohlhepps ungewohnt männlich-selbstbewusstem David. Großartig schließlich Adrian Eröds scharf, aber nicht karikierend artikulierender Beckmesser als verkümmerte Papierseele, hinter deren permanentem Verteidigungsmodus ähnliche Sehnsüchte spürbar werden wie bei seinen Konkurrenten.

          Dass sich hier sängerisches Können rundum so frei und vielfältig entfalten kann, wäre freilich nicht ohne die sattfarbig funkelnde Dresdner Staatskapelle und Christian Thielemann möglich. Der vehemente Auftrittsbeifall vor jedem Akt erschien als klares Statement des Salzburger Publikums im derzeitigen Führungsdisput, und der Dirigent brachte im Gegenzug eine ebenso gelöst-gelassene wie quicklebendige, kundig zugeneigte Feinarbeit, die dem Stück und seiner gewitzten Instrumentation keine geliehene Mystik überstülpte, sondern es nachhaltig entkrampfte. Da erschien eine kaum je gehörte Fülle aufleuchtender Soli, kontrapunktischer Einreden und Kommentare, während das reduzierte Pathos bei den wenigen Kulminationsstellen wie dem Einsatz des „Wach auf!“- Chores (besetzt mit einer kraftvollen Dresdnerisch-Salzburgischen Ensemblemischung) umso beeindruckender war.

          Herzogs liebevoll detaillierte Regie-Konstruktion indessen, die das Geschehen – mit etlichen Bruchstellen – zwischen Realszene und einer humorvoll persiflierten Bühnenwelt oszillieren lässt (wobei Sachs zum gehetzten, sozialpädagogisch ambitionierten Stadttheaterintendanten mutiert, der zwecks Stressabbau nächtens in der hauseigenen Schusterwerkstatt herumhämmert), ist intellektuell ziemlich verwinkelt, aber menschlich glaubhaft. Und letztlich gnadenlos: Erst wollen die Alten nicht, und als sie zögernd Öffnung signalisieren, hat die ungebärdige Brut erst recht keine Lust mehr – am Ende, nach Sachs’ Gardinenpredigt, weisen die beiden jungen Leute der Festgesellschaft ihre wohlgestalteten Hintern und verschwinden, Ziel unbekannt, in den Kulissen. Der umjubelte Volkstribun bleibt zurück wie ein geprügelter Hund, das Geschäfts- und Kunstleben aber wird wohl, nach kurzer Irritation, weiterlaufen wie ehedem. Thomas Bernhard, der in Salzburg groß geworden ist, hat das alles schon einmal aufgeschrieben: „Wir sind nicht mehr so sentimental, dass wir noch Hoffnung hätten.“

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