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Salzburger Osterfestspiele : Bei Brahms geht ihm das Herz auf

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Von behaglicher Schlaffheit bis zu wütender Keckheit: Thielemann und die Dresdner Staatskapelle bei einem Konzert in Braunschweig. Bild: Matthias Creutziger

Dem Dirigenten Christian Thielemann und der Dresdner Staatskapelle gelingt mit der zweiten Symphonie von Brahms ein Glanzpunkt der diesjährigen Osterfestspiele in Salzburg. Mahler aber hat es schwer bei ihm.

          Oben, auf dem Mönchsberg über der Salzburger Altstadt, liegen noch ein paar Schneereste, aber unten im Festspielhaus meldet sich schon der Frühling. Warme Erde vermeint man zu riechen, den Duft von Krokussen und Veilchen. Junges Blattgrün leuchtet. Das liegt nicht nur an Johannes Brahms, der mit seiner zweiten Symphonie ein Werk schrieb, das immer schon naturnahe Assoziationen weckte, sondern auch an der Dresdner Staatskapelle, die hier so angenehm den Winter vertreibt. Sanft ruft das Horn, die Flöten und Klarinetten summen paarweise, als würden sie sich nach kalter Schweigsamkeit wieder des Singens erinnern; warm wie aus feuchtem Boden dampft es darunter in den Celli und Kontrabässen.

          Was die Dresdener, angeleitet von Christian Thielemann, hier bieten, ist eine Aroma- und Naturlaut-Therapie erster Güte: erleichternd, belebend, beglückend über vier Sätze hinweg. Die Kapelle kennt das Stück in- und auswendig, Thielemann ebenso, man könnte Routine befürchten, aber das Gegenteil ist der Fall. Aus der Vertrautheit mit dem Stück erwächst erst die Sicherheit, die dem Orchester und dem Dirigenten Spiellaune verleiht. So erklären sich die Eleganz und Präzision, mit denen die Dresdener Musiker all die feinen Übergänge gestalten. Nur so kann Christian Thielemann wohl auch sein außergewöhnliches Gespür für die Spannungszustände dieser Musik einbringen – von behaglicher Schlaffheit reichen die bis zu wütender Keckheit. Und weil sich dabei wie von allein eine scharf umrissene Verlaufskurve für das gesamte Werk abzeichnet, erhält die Symphonie eine Plastizität, die man am liebsten anfassen würde.

          Blut, Schweiß und Tränen

          Die Symphonie von Brahms ist der Glanzpunkt in den ersten Konzerten bei den diesjährigen Osterfestspielen in Salzburg. Wahrscheinlich musste man das so auch erwarten, denn Thielemanns Vorlieben und Stärken im Repertoire sind mittlerweile bekannt. Doch stirbt die Hoffnung zuletzt, dass es noch Überraschungen geben könnte. Felix Mendelssohn Bartholdys „Hebriden-Ouvertüre“ bietet da aber wohl schon zu wenig klangliches Fleisch, als dass Thielemann ordnend und gestaltend eingreifen könnte oder wollte. Er lässt das Stück freundlich geschehen. Dass der Eindruck bei Robert Schumanns Cellokonzert schwach bleibt, liegt mehr an der Solistin Sol Gabetta, die in diesem Jahr den Herbert-von-Karajan-Preis der Festspiele erhält. Der Dringlichkeit von Schumanns Musik, ihrem Temperament und ihrer Gefühlsdichte kommt Gabetta kaum einmal nahe, die weitgespannten Phrasen lassen unter ihren Händen mutlos die Flügel hängen, Erleichterung stellt sich ein, wenn wenigstens in der Orchesterbegleitung einmal kernig zugegriffen wird.

          Sol Gabettas versonnenes Spiel macht sie allerdings zu einer umgänglichen Kammermusikpartnerin. Einen Tag vor ihrem Soloauftritt spielte sie im Saal des Mozarteums mit Musikern der Staatskapelle das „Quatuor pour la fin du temps“ von Olivier Messiaen. Das ermöglichte feine Einblicke in die Klangwerkstatt des Dresdener Orchesters. Woher der seidige Streicherklang der Kapelle herrührt, versteht besser, wer den Konzertmeister Matthias Wollong einmal wie hier im kleinen Kreis hat spielen hören: immer auf warme Resonanz bedacht, jeden Ton vorsichtig behandelnd wie ein rohes Ei. Und wie es kommt, dass sich die Dresdener Bläser klanglich so fein in die Streicher einweben, weiß, wer Robert Oberaigner gehört hat, einen der Solo-Klarinettisten des Orchesters, der dem Bläserpart bei Messiaen so geschmeidige Kontur gab.

          Der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle: Christian Thielemann

          Aber taugt das auch für eine Symphonie von Gustav Mahler, die Blut, Schweiß und Tränen einfordert? Christian Thielemann ist noch dabei, Mahler zu entdecken. In München bei den Philharmonikern hat er schon die achte und die zehnte Symphonie dirigiert, in Salzburg nun die dritte. Der Anteilnahme, die diese Musik vehement einfordert, versagt sich Thielemann jedoch. Vielleicht aus der Sorge heraus, dass sich die Emotionen totlaufen könnten. So erscheint vieles lieblos aneinandergereiht. Der große, vielgestaltige erste Satz klappert kurzatmig dahin, die Posthorn-Episode im dritten Satz eilt vorüber, als sei die Sehnsucht, die sich hier ausdrückt, eine peinliche Empfindung, die glühenden Umspielungen in den Streichern im vierten und fünften Satz, die doch Chiffren der Aufgewühltheit sind, werden in diesem Fall zu nichtssagenden Ornamenten wie man sie aus der Musik von Richard Strauss kennt, eingezwängt dazwischen die Mezzosopranistin Elína Garanča, die der Nietzsche-Vertonung „Oh Mensch! Gib Acht!“ eine wärmende Anmutung verleiht, aber auch nicht mehr.

          Ein drittes Konzert der Staatskapelle übernahm Andrés Orozco-Estrada, Chefdirigent des Sinfonieorchesters des Hessischen Rundfunks, der in Puccinis „Preludio sinfonico“ die Sangeskraft des Orchesters wiederbeleben durfte, die im Orchestergraben bei der „Tosca“-Premiere aus akustischen Gründen nicht gewünscht war. Bei Hector Berlioz’ „Symphonie fantastique“ verliert er sich im Detail. Alles wirkt gleich nah oder gleich fern. Auf der Stelle wünscht man sich Christian Thielemann herbei. Oder doch wenigstens seine Übersicht.

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