https://www.faz.net/-gqz-9q7pz

Salzburger Festspiele : Wo hat der Regisseur nur seine Ohren?

  • -Aktualisiert am

Nach welcher Regieanweisung sollen wir nun singen? Szene aus Verdis „Simon Boccanegra“. Bild: dpa

Ein Desaster, wenn allein die Musik das Zepter schwingt: Valery Gergiev und Andreas Kriegenburg verderben in Salzburg Verdis „Simon Boccanegra“.

          Ein ständiger Begleiter Giuseppe Verdis – „ich bin ein Mann des Theaters“ – war der Ärger über das „verfluchte Theater“ und der Zorn auf Leute, die glauben, alles besser inszenieren zu können als der Autor. Beim Versuch, mit seiner Inszenierung von „Simon Boccanegra“ in der zweiten Version von 1881 auszuloten, was mit der Geschichte und der Musik geschieht, „wenn man sie einer größeren Heutigkeit gegenüberstellt“, hat Andreas Kriegenburg eine kardinale Maxime missachtet: „Soll ich dir die Gegend zeigen, musst du erst das Dach besteigen“ (Motto von Ernst Blochs Essay „Zeittheater“).

          Zwar setzt er die Mittel ein, die unter Aufrührern gängig sind, nämlich den Gebrauch des Mobiltelefons, ohne aber zu zeigen, was vorgeht zwischen den Figuren: dem ehemaligen Korsaren Simone, der als erster Plebejer zu Genua den Thron des Dogen besteigt, und seinem patrizischen Widersacher, der ihm die Hand seiner Tochter verweigert und ein Leben lang seine Nemesis bleibt. Dass die familiäre Tragödie und das politische Drama vom Beginn bis zum Ende der Oper ineinander verflochten sind, wird durch die Inszenierung verwischt.

          Mehr als in (fast) allen seinen Opern hat Verdi dem „Simon Boccanegra“ das gegeben, was er als „Tinta“ bezeichnete: eine spezifische Atmosphäre. Im Fall dieser Oper sorgen die düster-matten Farben des Meeres für die couleur locale des Stückes: ein düsteres und nur selten sich aufhellendes Schwarzgrau. Das Meer ist der mythische Lebens- und Schicksalsraum, vor dem alle stehen.

          „Make Genua great again!“

          Seltsam widersprüchlich aber, dass sich das gesamte Geschehen im hellen Licht abspielt, als wollten Kriegenburg, sein Bühnenbildner Harald B. Thor und der für das Licht zuständige Andreas Grüter uns auffordern, das Stück mit neuen Augen zu sehen. Wenn in der ersten Szene des Prologs die Plebejer Paolo und Pietro unter sich aushecken, wie sie einen der ihren – den vormaligen Piraten Boccanegra – zum Dogen machen können, schleicht eine Schar von Verschwörern mit stierem Blick aufs Mobiltelefon über die Bühne – und auf dem Vorhang ist zu lesen, was konspirativ getwittert wird: darunter, welch dämlich-quälende Banalität!!, die Parole: „Make Genua great again!“

          Dass dies nicht den Szenenweisungen entspricht, mag hinnehmbar sein; aber es ist ein Verstoß gegen die Regieanweisung, die von der Musik selbst diktiert wird und die die Kraft des Normativen hat. Der erste von vielen Verstößen – und nicht einmal der ärgste und ärmlichste. Kurz vor Ende der Oper erteilt der von seinem schurkischen Weggefährten Paolo vergiftete und den nahen Tod spürende Doge den Befehl, die Fackeln zu löschen: durch das dreifache Signal der „Troma sul palco“ kündigt er, ohne es zu ahnen, an, dass auch für ihn das Licht erlöschen wird. Wieder eine Regieanweisung der Musik: durch das Kurz-kurz-lang, das anapästische Todessignal.

          Dann tritt Simone im Fieber – „M’ardon le tempia – mir brennen die Schläfen“ – hinaus in die linde Kühle der Nacht und stellt sich die Frage, warum „der Schoß des Meeres nicht längst schon zu seinem Grabe geworden“ ist. Die Klangchiffren, die Verdi hier für die endlosen Wellenbewegungen gefunden hat, rühmte der Komponist Luigi Dallapiccola später als eines der wunderbarsten Beispiele von Landschaftsmalerei.

          Zusammenprall vokaler Charaktere

          So wenig wie nächtliches Dunkel auf die Szene fällt, so wenig sind die von der Musik beschworenen mythischen Schatten zu spüren. Valery Gergiev, der als Maestro überall in den letzten zwölf Monaten vierundzwanzig Opern dirigiert hat, hatte fast durchgehend den Kopf in der Partitur und überließ die auch von der Regie alleingelassenen und/oder an die Rampe postierten Sänger sich selbst. Die Aufführung wirkte, was die Klangkontraste angeht, wie ein routiniertes sight reading. Wie spannungsvoll, wie kontrastreich im Vergleich hat Claudio Abbado die Oper – für ihn eine der wichtigsten Verdis – dirigiert, anno 2000 in Salzburg, zuvor in Paris, Mailand und Wien.

          So bitter wie Verdis Urteil über die Praktiken des „verfluchten Theaters“ fiel auch das über seine Sänger aus. „Für meinen Teil erkläre ich, dass noch keiner, nie, nie, nie jemals alle Wirkungen, die ich im Sinne hatte, herauszuholen gekonnt und verstanden hat ... NIEMAND!! Weder Sänger noch Dirigenten!!“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.