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Salzburger Festspiele : Sie küssen und sie schlagen sich

  • -Aktualisiert am

Scheut vor keinem Nahkampf zurück: Annette Dasch als Armida Bild: AP

Mit den Salzburger Festspielen, so war zu lesen, gehe es rasant nach unten. Doch die Aufregung scheint überzogen. Auch Christof Loys „Armida“-Produktion darf man musikalisch als festspielreif einordnen.

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          Liest man manche Schlagzeilen der letzten Wochen, so geht es mit den Salzburger Festspielen rasant nach unten. Nur der Konzertchef bleibt im Stimmungshoch: Hinterhäuser, der Beste, Flimm, für die Oper zuständig, der „Opa“, den man nicht schnell genug nach „Europa“, sprich: Berlin, loswerden möchte. Zieht man die Opernbilanz der noch laufenden Festspielsaison, dann scheint die Aufregung ziemlich überzogen. Sechs Premieren oder Wiederaufnahmen standen an, zwei der vier Neuinszenierungen muss man als problematisch einstufen: Mozarts „Così fan tutte“ und Rossinis „Moïse et Pharaon“, die szenische Umsetzung von Händels „Theodora“ darf als Versuchsanordnung (Eröffnung in Salzburg: Händels „Theodora“) akzeptiert werden. Musikalisch überzeugend und szenisch interessant dann Luigi Nonos „Al gran sole“ (Luigi Nonos Oper „Al gran sole carico d'amore“ in Salzburg) - der beharrliche Wille Jürgen Flimms, das Werk ins Festspielprogramm aufzunehmen, bescherte den Festspielen die seit langem ersehnte große Festspielaufführung. Man sollte in Salzburg auch in Zukunft nicht jeden intellektuellen Anspruch aufgeben.

          Ebenfalls positiv zu bewerten sind die beiden Wiederaufnahmen aus den vergangenen Jahren: Claus Guths sehens-und hörenswerte „Figaro“-Inszenierung mit Daniel Harding als Dirigent und jetzt Joseph Haydns heroische Oper „Armida“, die in der Felsenreitschule vor zwei Jahren ihre Premiere hatte. Die Aufführung, identisch in der ersten früheren Besetzung, mit dem fabelhaften Mozarteumorchester unter Ivor Bolton, demonstriert vor allem, wie wichtig es ist, dass neue Inszenierungen szenisch und musikalisch bei den Festspielen reifen können: „Work in Progress“ heißt das heutzutage.

          Äußerst heftige Duelle

          Christof Loys Regie treibt hier die szenischen Aktionen noch nicht so radikal in die Abstraktion wie in anderen seiner neueren Arbeiten und zuletzt in der „Theodora“. Der Handlungshintergrund bleibt auch im modernen Outfit deutlich erkennbar. Im Zentrum steht ohnehin die berührende Geschichte des zwischen Liebe und Pflicht schwankenden Kreuzritters Rinaldo und der schönen orientalischen Zauberin Armida. Michael Schade und Annette Dasch lassen sich vom Regisseur immer wieder in äußerst heftige Duelle treiben. Man denkt an einen alten Filmtitel: Sie küssten und sie schlugen sich.

          Strindbergs Ehehöllen kommen in den Sinn, wenn Rinaldo und Armida an einer hohen Holzwand singend gegeneinander wüten. Der körperliche Einsatz wirkt geradezu atemberaubend, aber beide Sänger verlieren die Singnoten nicht aus Kopf und Kehle. Michael Schades Fähigkeit, stilsichere vokale Gestaltung mit enormer Expression zu verschmelzen, ist auch hier wieder zu bewundern - er findet dann aber auch wunderbar verhaltene, schmerzvoll-bewegte Töne für die stilleren Augenblicke. Und Annette Daschs Sopran, früher im Höhen-Forte zum mitunter zu heftigen Forcieren neigend, klingt jetzt schön gerundet, ausdrucksvoll sowohl im Leisen wie im dramatischen Ausbruch. Die halsbrecherischen Abrollübungen auf der gefährlich steilen Spielschräge, die Annette Dasch zu vollführen hatte, schienen ihr sogar Spaß zu machen - die jungen Sänger von heute schrecken ja vor keinem Nahkampf zurück: vokale Marines!

          Erfreulich ausgewogen

          Da auch die weitere Besetzung dieser Wiederaufnahme erfreulich ausgewogen und auf gutem Niveau agierte, darf man die „Armida“-Produktion musikalisch als festspielreif einordnen: Mojca Erdmann sang die Zelmira mit hellem, klarem Ton, manchmal schien ihre leichte, wunderbar schwebende Sopranstimme im dramatischen Ausdruck noch ein wenig begrenzt. Bernhard Richter als Clotarco zeichnet sich wieder durch schöne, jugendlich-tenorale Emphase aus, Richard Croft als Ubaldo und Vito Priante als Idredno bringen sich mit markantem vokalem Ausdruck in das Ensemble ein. Ivor Bolton blieb die Aufgabe, die Sänger mit dem Orchesterspiel zu verschmelzen. Bolton besitzt ein feines Gespür für den Pulsschlag dieser Haydn-Musik, zeichnet im letzten Akt eine dichte symphonische Struktur: Haydn erweist sich als Musikdramatiker par excellence.

          Und die Inszenierung? Der Bühnenbildner Dirk Becker hatte für das Liebes-und Machtspiel die Felsenreitschule in ein breites Opernschlachtfeld verwandelt, mit der schon erwähnten Schräge als Berg, über die auf und ab immer wieder in Scharen Kriegerstatisten rasen. Der Regisseur Loy schätzt solche Bewegungsakrobatik, manchmal wird's fast ein wenig zu viel, was auf Dauer kontraproduktiv wirkt: Es ermüdet. Aber dann sitzt Schades Rinaldo ruhig auf einem grünen Sofa mitten auf der Bühne unter einer Leselampe und meditiert über sein Schicksal. Da ist die Aufführung für wundersame Augenblicke im Inneren bei Haydn angekommen.

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