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Igor Levit in Salzburg : Diese zwei Hände sind ein ganzes Orchester

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So asketisch kannte man ihn bisher nicht: Igor Levit. Bild: Marco Borrelli

Klavier im Ausnahmezustand: Igor Levit beschert den Salzburger Festspielen eine Sternstunde mit Beethovens Hammerklaviersonate und begeistert die Zuhörer.

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          Welch ein Abend! Welch ein grandioser Abend! Welch ein unfasslicher Abend! Es ist der Abend, an dem Igor Levit einen Pakt mit der exzessiven Musik eingeht und, wie das Programmheft ohne jede Übertreibung versprach, den „pianistischen Zyklopen ins Auge“ schaut: Franz Liszt und Ludwig van Beethoven, der über die fast 1.200 Takte der Hammerklaviersonate gesagt hatte: „Da haben sie eine Sonate, die den Pianisten zu schaffen machen wird, die man in fünfzig Jahren spielen wird.“ Es war Liszt, der diese lange Zeit für unspielbar gehaltene Sonate anno 1836 in einem privaten Konzert gleichsam uraufführte. Der Komponist Hector Berlioz verglich ihn daraufhin mit „Ödipus, der das Rätsel der Sphinx gelöst habe, und verkündete: „Das ist die neue, große Schule des Klavierspiels.“

          Ob Symphonien von Beethoven oder Berlioz, ob Opern von Bellini, Verdi oder Wagner, ob Lieder von Schubert oder Schumann: Franz Liszt brauchte oder nutzte die ganze Musik seiner Zeit als Material für Bearbeitungen, Paraphrasen und Transkriptionen. Mit den neuen dynamischen und koloristischen Möglichkeiten des Flügels wusste er „glanz- und geheimnisvoll zu instrumentieren“ (Alfred Brendel) und schuf, bisweilen auf drei Systemen notierend, das orchestrale Spiel. Es ist oft gesagt worden, dass für Liszt der Klang zu einem der wichtigsten Baufaktoren seiner Musik wurde: der große, der machtvolle und selbst der infernalische Klang, der, wie zeitgenössische Beobachter berichten, die ganze Hörerschaft einhüllte.

          Das Klavier als Orchester: das mag auch die Leitidee für das Programm sein, mit dem der 31 Jahre alte Levit seine Hörer im Haus für Mozart herausfordert, wenn nicht in Angst und Schrecken versetzt. Zu Beginn erklingt Wagners „Feierlicher Marsch zum heiligen Gral aus dem Bühnenweihfestspiel Parsifal“, in dem die Glocken zum mystischen Klangereignis werden und die Melodie zum inständigen Gebet. Es folgt die für Orgel geschriebene Fantasie und Fuge über den Choral der Wiedertäufer aus Meyerbeers „Le Prophète“ in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni. Levit macht sie zum pianistischen Erdbeben, das von der Richter-Skala kaum zu messen ist.

          Der Gipfel all dieser Maßlosigkeiten ist Beethovens Hammerklaviersonate, die, noch einmal Brendel, „nach Umfang und geistiger Anlage weit über alles hinausgeht, was auf dem Gebiet der Sonatenkomposition je gewagt und bewältigt wurde.“ Die Fortissimo-Akkorde zu Beginn des Allegro lässt Levit wie Fanfaren schmettern.

          Was das vieldiskutierte Tempo angeht, so entscheidet er sich für das paradoxe „So schnell wie möglich“ und sogleich „Noch schneller“ – bei höchster struktureller Klarheit, auch bei den vom Bass zum Diskant aufsteigenden Oktaven. Mit dem Eingangstakt, den Beethoven nach eigenen Worten „wie aus unermeßlicher Tiefe“ geholt hat, beginnt der mit Leidenschaft beschrittene Weg des Adagio-Satzes. Magisch der fahl irrlichternde Übergang in die Fuge. Levit hat diese Fuge als scheußlich und aggressiv, böse, triumphierend und total zerstörerisch bezeichnet, und hier, an diesem denkwürdigen Abend, zeigt er spielend, dass seine Worte eine Untertreibung waren.

          Spielend? Nein, das ist ein existentieller Kampf. Der asketisch schmal gewordene Levit, bleich vor Erschöpfung, spricht als Musicus politicus dem glücklich erschöpften und erschütterten Publikum mit seiner Zugabe – Paul Dessaus „Guernica“ – eine Mahnung aus: „Wenn ich mich als Künstler höheren Werten verpflichtet fühle, dann kann ich nicht beim Klavier aufhören.“

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