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Salzburger Festspiele : Frohsinn ist der Ungerechten Lohn

  • -Aktualisiert am

Wer ins Glashaus gesetzt wird, soll mit schönen Blicken werfen Bild: Charlotte Oswald

Geht das Licht an, brüllt der Kriegslärm los: In der Oper „Soldaten“ von Bernd Alois Zimmerman wird bei den Salzburger Festspielen grandios gesungen und gespielt.

          Jetzt sind die „Soldaten“ endlich in Salzburg angekommen. Fast ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis dieses Jahrhundertwerk dort zu erleben ist, wo es tatsächlich hingehört: in die Felsenreitschule. Hier sind die Tiefe, Breite, Länge vorhanden für jede Form von Experiment. Hier gibt es keinen Orchestergraben, dafür Gesimse und Stufen, eine Grabeskälte und höllisch schwindelnde Höhe, kurzum: ein einmaliges Ambiente, ideal für das multimediale Simultan-Musiktheater, womit Bernd Alois Zimmermann im Jahr 1967 das alte Gesamtkunstwerk Oper abschaffte und neu erfand.

          Gewiss hat diese Revolution, wie das bei Revolutionen so ist, seither viele Nachahmer gefunden - wir erinnern nur, zum Beispiel, an Katie Mitchells grandiose Lesart von Luigi Nonos „Intolleranza“, aufgeführt in Salzburg an selbigem Ort vorvoriges Jahr. Doch mit Zimmermanns „Soldaten“, damit fing alles an.

          Geht das Licht an, brüllt der Kriegslärm los

          Fast wirkt es da doch recht verschämt verspätet, wenn Regisseur Alvis Hermanis seine Lesart dieses Werks jetzt so oblatenbilderselig ins vormediale Zeitalter zurückverlegt. Komponiert nach dem Schauspiel von Jakob Michael Lenz, soll diese Oper, so steht es in Zimmermanns Partitur, „gestern, heute und morgen“ spielen. Geht das Licht an in der Felsenreitschule, brüllt der Kriegslärm los im Orchester, dann befinden wir uns aber eindeutig mitten im Ersten Weltkrieg. Zerlumpte Soldaten kratzen ihre Wunden. Sieben Soldatenpferde trotten im Kreis. Herrliche dunkelbraune Kaltblüter sind das, schwere österreichische Noriker-Pferde, die sich putzen, satteln, zäumen und herumführen lassen und immer wieder im Vorbeigehen ihre mähnenwehenden Schatten werfen auf die felsenreitschulförmige Bogenfensterfront, die die vierzig Meter breite Bühne der Länge nach in zwei Hälften teilt.

          Um ganz genau zu sein: Es sind jetzt bald fünfzig Jahre vergangen seit der spektakulären Uraufführung der „Soldaten“am 15.Februar 1965 in Köln, die von Michael Gielen geleitet wurde, der sich des als unaufführbar geltenden Werkes angenommen hatte. Es erwies sich als überaus erfolgreich und wurde schon, lange vor Salzburg, in der halben Welt gezeigt. Die Utopie des Gesamtkunstwerks erscheint in diesem Werk quasi von innen gesprengt. Dabei ist die vielzitierte Idee Zimmermanns von der „Kugelgestalt der Zeit“ eher philosophisch gemeint und kein musikalisch-technischer Strukturbegriff. Im menschlichen Bewusstsein schießt Gegenwärtiges zusammen mit Zukunft und Vergangenheit, sind die auf Künftiges gerichteten Ängste oder Hoffnungen gleichzeitig vorhanden mit Erinnerungen und Traumata.

          Zimmermann überträgt dies in Musik, indem er Szenen parallel führt und mit Film- und Tonbandeinspielungen überblendet. Der herkömmliche Apparat wird technisch aufs äußerste strapaziert: Ein erweitertes Elektra-Orchester ist gefordert, das in keinen Operngraben hineinpasst, mit einer Batterie diversen Schlagzeugs, mit Gitarre, zwei Harfen und allerhand eigentümlichen, platzgreifenden Instrumenten wie Celesta, Cembalo, Orgel. Sechs hohe Tenöre stehen auf der Bühne, dazu drei Soprane, insgesamt werden sechzehn Solisten verlangt, dazu zehn Sprechpartien. Und das alles schwärmt aus, wuchert und schiebt sich übereinander, türmt sich auf in Klangschichten, die kammermusikalisch transparent bleiben und sich doch immer wieder hoffnungslos zu Dies-Irae-Klumpen verkeilen. Diese Musik flüstert und sie brüllt uns an. Sie ist, bei all ihrer Wucht, in einer lakonischen Knappheit organisiert, die zu beispielloser Verdichtung führt. Vom ersten Orchesterschrei an bis zum letzten gesprochenen Ton schlägt das jeden Zuhörer in Bann.

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