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Salzburger Festspiele : Frau und schmerzlos

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Martina Gedeck streichelt als „Harper Regan” einen 17-jährigen Jungen:Ihr Schmerz bleibt purer Luxus Bild: picture-alliance/ dpa

Keine Schmerzensfrau bei den Slazburger Festspielen: Martina Gedeck spielt in Simon Stephens' „Harper Regan“ lächelnd die Hauptrolle. Die erste deutsche Inszenierung des Stückes ist mehr Hörspielgeplapper als Theater.

          Dieses Stück in elf Szenen lässt sich fabelhaft lesen. Als Stationendrama des Kreuzwegs einer Frau. Harper Regan füllt das Stück, das nach ihr heißt, denn auch elfmal aus. Jede Szene ist ihr eigen. Sie besitzt zwar nichts im Leben. Aber wenigstens dieses Stück gehört ihr ganz: das Geschenk eines einfühlsamen englischen Dramatikers, Ende dreißig, der im sozialen Elend sich derart zu Hause fühlt, dass er niemanden des Hauses verweist. Noch die Schlimmsten, wie den Irak-Kriegsheimkehrer und Mädchenmörder Danny in „Motortown“ (F.A.Z. vom 2. Februar), drückt Simon Stephens an sein gnadenvolles Herz. Den Besten aber schenkt er es. Und Harper ist die Beste.

          Harper ist zweiundvierzig, mit einem arbeitslosen Mann verheiratet, der sich, anstatt seiner Profession als Architekt nachzugehen, in Parks herumtrieb, heimlich Kinder fotografierte, die Bilder auf seinen Computer herunterlud, angezeigt wurde, unter staatlicher Aufsicht steht, ohne dass man genau wüsste, wie strafbar weit seine fotofanatische Pädophilie geht. Auch Harper geht heimlich auf Pirsch am Kanal, wo sie sich an einen dunkelfarbenen siebzehnjährigen Jungen heranmacht. Außerdem ist sie Mutter einer ebenfalls siebzehnjährigen, heftig pubertierenden, aber fleißig für die Schule lernenden Tochter, die alles über Gletscher weiß, eine frühreife Spezialistin für Eiszeiten aller Art. Wobei Harper selber noch Tochter ist: eines schwer zuckerkranken Vaters, der im Sterben liegt und den sie vor dessen Tod noch einmal sehen will. Ihr Arbeitgeber, ein eiskalter, präpotenter Spediteur, gibt ihr nicht frei.

          Ein verkehrter Kreuzweg

          Harper riskiert den Existenzbruch; fährt trotzdem; sagt ihrer Familie nichts davon; kommt zu spät; findet ihren Vater schon tot vor; geht in eine Bar, wo sie einem zudringlichen antisemitischen, koksenden, sexistischen Journalisten ein Glas in den Hals rammt; klaut dessen Lederjacke; hat in einem Hotelzimmer Sex mit einem älteren Fremden; kehrt heim; streichelt den schwarzen Jungen am Kanal (“Er hat eine Erektion“, schlägt die Regieanweisung des Autors vor, der, wie schon erwähnt, allen seinen Figuren wohlwill). Und fühlt sich endlich frei. Hat zwar jetzt ihren Job los, will aber nie mehr lügen; erzählt ihrem Mann vom Sex mit dem Fremden; macht dem Gatten froh das Frühstück. Dieser ist glücklich und träumt zwischen Butter, Melonen, Schinken und Eiern von einer Zukunft, in der alles gut ist. Und alle sich liebhaben. Der Vorhang zu und alle Utopien offen. Und wer jetzt „Kitsch!“ sagt, hat den religiösen Sinn nicht begriffen. Zwar bekennt sich der ehemalige Mittelschullehrer Stephens in Interviews gerne als gottlos. Allein, ihm fehlt kein Glaube.

          Marie Leuenberger und Martina Gedeck als pubertierende Tochter und aufbegehrende Mutter bei den Salzburger Festspielen

          Dieses Stück in elf Szenen nämlich lässt sich, wie gesagt, als Stationendrama des Kreuzwegs einer Frau lesen. Nur dass der Kreuzweg sich verkehrt. Hier hängt gleich zu Beginn Harper noch am Kreuz: ihrer Familie; ihres Verdachts gegen ihren Mann; ihres Nichtzugangs zu ihrer Tochter; ihrer Schuldgefühle gegen ihren Vater; ihres Hasses auf ihre Mutter; ihres sexuellen Unausgefülltseins. Am Ende steigt sie vom Kreuz herab, löst Bande und Klammern und Nägel.

          Artiges Hörspielgeplapper

          Wenn diese Kreuzesfrau vom Papier auf die Bühne wollte, müsste man von ihrer Fall- beziehungsweise Herabsteighöhe viel, wenn nicht alles spüren. Bei den Salzburger Festspielen, wo im Landestheater in Koproduktion mit dem Hamburger Schauspielhaus „Harper Regan“ zum ersten Mal auf Deutsch zu sehen, besser: zu hören war, erwies der Brite Ramin Gray als Regisseur seinem Landsmann Simon Stephens nicht den Dienst, der dem Drama auf irgendein Kreuz und wieder herunter geholfen hätte. Die deutschen Schauspieler schauten weder nach links noch nach rechts, aber auch nicht nach oben oder nach unten. Sie spielten weniger, sprachen mehr miteinander, aber hörten sich wenigstens zu. Eine äußerst gesittete Veranstaltung.

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