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Salzburger Festspiele : Eine Bremsverzögerung wäre hilfreich

Vorzeigebeispiele einer Willkommenskultur

Wie Currentzis mit seinem Orchester musicAeterna schmerzliche Harmoniewechsel inszeniert, wie er den music-Aeterna-Chor, von Vitaly Polonsky einstudiert, ganz nach Schärfegraden der Dissonanzen führt, das verrät eine tiefe Musikalität, die sich doch immer wieder paart mit einer Neigung zum Groben: Peitschende Akzente, jähe Zäsuren, Streichereffekte, die eher an Hector Berlioz als an Mozart erinnern, zeugen vom mangelnden Vertrauen darin, dass diese Musik uns auch ohne solch riskante Hörverkehrspraktiken noch erregen könnte. Wenn dann zwischen den vitrinenartigen Bühnenbauten von George Tsypin – sie sehen aus wie Regaleinsätze in Großfamilienkühlschränken – die hinreißende, überragende Marianne Crebassa als Sextus ihre Arie „Parto, ma tu ben mio“ singt und der bewunderungswürdige Bassettklarinettist Florian Schuele als stummer Tanzpartner auf die Bühne kommt, dann sieht man in diesem Arrangement, was den Abend ausmacht: das Ausstellen von Reizen, das dem Auge mehr traut als dem Ohr.

Auch Peter Sellars hat Mozarts Stück in seiner überlieferten Gestalt wenig getraut und es angereichert mit Teilen aus der Messe in c-Moll KV 427, dem Adagio und Fuge c-Moll KV 546, der „Maurischen Trauermusik“ c-Moll KV 477. Viel c-Moll also in einer Oper, die ansonsten auffällige Moll-Vermeidung, fast Moll-scheu an den Tag legt, weil sie den Menschen aus seinem unberechenbaren Zorn in eine zivile Welt der Güte und Selbstbeherrschung zu entrücken sucht. Musikalisch funktionieren diese Ergänzungen dank der unglaublichen Flexibilität von Mozarts Sprache meistens. Aber sie erzählen eine andere Geschichte.

Bei Sellars ist Titus ein Herrscher, der sein Land für Flüchtlinge öffnet und im Flüchtlingslager Sextus und Servilia als Vorzeigebeispiele seiner Willkommenskultur in die eigene Familie aufnimmt. Nur entwickelt sich Sextus, angestachelt von Vitellia, einer innenpolitischen Gegnerin des Titus, zum Terroristen. Er schnallt sich zu Adagio und Fuge – die Kontrabässe rumsen – den Sprengstoffgürtel um, erschießt Titus aber dann doch lieber mit einer Handfeuerwaffe. Der stirbt – zum Entsetzen der Flüchtlinge, die ihm in der Mehrheit dankbar sind.

Der Publikumskonsens ist breit

Das kann man so machen. Es geht auch irgendwie auf. Lustig daran ist nur, dass im Chor sogar die Kopftuchfrauen das „Christe eleison“ aus der Messe mitsingen. Mozart als Mittel der Muslimmission – das dürfte die fröhlichste Pointe dieses Abends sein. Sängerisch höchst eindrucksvoll neben Crebassa als Sextus ist vor allem Golda Schultz als Vitellia: Sie hat Feuer in der Koloratur, eine präzis zugespitzte Deklamation und ein Timbre, das Furor und Verführung verschmilzt. Nur die tiefen Töne der letzten Arie stehen ihr nicht zur Verfügung. Christina Gansch als Servilia und Jeanine de Bique als Annius fügen sich mit spannungsreicher Anmut ins Ensemble. Willard White, eine bewährte Kraft als profunder Mozart-Bass, gibt dem Publius eindrucksvolles Gewicht. Nur Russell Thomas als Titus singt in unsensiblem Dauer-Forte und brüchigem Piano. Seine Stimme passt allerdings zum Schluss der Inszenierung, wo er sich unter Krämpfen gegen die palliativmedizinische Sterbensverlängerung auf der Intensivstation wehrt.

Der Publikumskonsens ist breit an diesem Salzburger Abend. Nur wenige Nichteinverstandene verlassen schnell und schweigend den Saal. Bei Teodor Currentzis wird der Applaus am lautesten. Der Marktführer in Zeiten musikalischer Zivilisationsmüdigkeit hat bereits viele Follower.

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