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Salzburger Festspiele : Die Männer sind alle Verbrecher

  • -Aktualisiert am

Noble Klangintensität, allürenfreies Spiel: Anna Netrebko Bild: AP

Nikolaus Harnoncourt zettelt in der ersten echten Salzburger Premiere bei „Figaros Hochzeit“ eine Revolution aus dem Orchestergraben an: Zusammen mit Regisseur Claus Guth macht er aus der Komödie Ernst. Berückend die Wiener Philharmoniker. Eine Kritik von Wolfgang Sandner.

          Ein einziges, in seiner kontrapunktischen Präzision geradezu musikalisches Buh mischte sich in den anhaltenden Schlußapplaus nach der ersten großen und - nicht nur wegen Anna Netrebko - mit Spannung erwarteten Premiere in Salzburg. Was auch immer hinter dieser individuellen Mißfallensbekundung nach „Figaros Hochzeit“ im neuen „Haus für Mozart“ gesteckt haben mag, der Opponent hat wenigstens den richtigen Adressaten für seinen ästhetischen Widerstand gefunden. Denn das Buh traf Nikolaus Harnoncourt, der die vierstündige (!) musikalische Revolution aus dem Orchestergraben angezettelt hatte.

          Dabei hätte jeder wissen können, was ihn erwartet. Schließlich hat Harnoncourt mit Jürgen Flimm in Zürich schon einen „Figaro“ herausgebracht, der dem vordergründigen Aberwitz dieses Mozartschen tollen Tages mißtraut. Auch in Salzburg scheint er sich jetzt das hintersinnige, freilich als Tadel gemeinte Urteil Stendhals zu eigen gemacht zu haben, die Musik des „Figaro“ mache aus der Komödie Ernst.

          Subtile Kunst aus dem Orchestergraben

          Das betrifft zunächst ein fundamentales Detail. Harnoncourts Tempi sind nicht dem hektischen Zeitgeist angepaßt, sie sind aus der musikalischen Faktur eher lauernd entwickelt. Sie verzögern das Geschehen durch Zäsuren, halten inne, wenn durch Tonartenwechsel ein Stimmungsumschwung erfolgt, gehen durch Rubati und Accelerandi eine sinnvolle Verbindung mit dynamischen Abstufungen ein. Das ist von der verhaltenen Sinfonia bis zum Unisono der zehn Protagonisten im Schlußchor des vierten Aktes wohldurchdacht, differenziert musiziert und angesichts des Wahnsinns menschlicher Liebesbeziehungen nachdenklich stimmend. Plakativ wirkungsvoll, mitreißend ist das nicht. Aber welche subtile Kunst ist das schon?

          Regisseur Claus Guth entdeckt den Strindberg in Mozarts Komödie

          Eine Musik, die mehr zur Kontemplation als zur Aktion aufruft, kann nicht durch ein hektisches Bühnengeschehen, wie man es möglicherweise aus der Aufführungstradition des „Figaro“ erwartet, konterkariert werden. Der Regisseur Claus Guth ist viel zu klug, um diesen Fehler zu begehen. Noch während der Ouvertüre hebt sich der Vorhang, und man sieht drei Paare in einem hochherrschaftlichen Treppenhaus regungslos verharren. In vier Akten wird dieses helle Treppenhaus ohne alle Requisiten der karge, das Geschehen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen konzentrierende Spielort sein, den der Bühnenbildner Christian Schmidt sich für diese Inszenierung erdacht hat.

          Die Verdopplung des Cherubino

          Wenn Nikolaus Harnoncourt Mozarts Gedankenflug aus dem musikalischen Geschehen entbindet, dann gibt Claus Guth dem Prinzip, dem dieses Werk gehorcht, schon in der einführenden Sinfonia konkrete Gestalt. Es ist eine stumme Figur im Matrosenanzug mit Flügeln, ein Pendant zum androgynen oder sagen wir: sich seiner Geschlechtlichkeit noch nicht bewußten Cherubino, ein Eros ex machina, der immer dann auftaucht, wo die Turbulenzen des Plots sich überdrehen wollen. Wenn dieser Eros, von Claus Guth Cherubim genannt (Uli Kirsch), in der Ouvertüre einen symbolischen Apfel vor jedem Paar ablegt und die Frauen mit einer flüchtigen Geste zum Leben erweckt, während die Männer noch in ihrer ahnungslosen Starrheit gefangen sind, spürt man schon, was auf die Festspielgemeinde zukommen wird: Starke Frauen werden hier das Heft in die Hand nehmen und Männern mit ihren plumpen Verführungskünsten die Leviten lesen.

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