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Salzburger Festspiele : Bandsalat an Quasselstrippe

  • -Aktualisiert am

Auf die falsche Formel gebracht: Nina Kunzendorfer und André Jung Bild: Charlotte Oswald

Aus seines Herzen kitschigem Grund: Peter Handke antwortet auf Becketts „Letztes Band“ mit dem Stück „Bis dass der Tag euch scheidet“. Becketts Genie der Einsamkeit macht er darin zum Krüppel einer Zweisamkeit, die zu viel plappert und zu schnell einverstanden ist.

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          Der Abend zerfällt. In zwei Teile. Im ersten Teil gibt man im Salzburger Landestheater zur Festspielzeit „Das letzte Band“ von Samuel Beckett, ein Stück aus dem Jahr 1959. Darin hört Herr Krapp, Schriftsteller von Beruf, an seinem neunundsechzigsten Geburtstag ein Tonband ab, das er an seinem neununddreißigsten Geburtstag besprochen hatte: Dokument eines verlorenen, vergessenen, nicht einmal mehr durch Erinnerung zu erweckenden Lebens. Mehr geschieht nicht. Und ist doch eine ganze Welt.

          Unter der sehr bedächtigen Regie von Jossi Wieler führt der äußerst bedächtige Schauspieler André Jung die enge Welt eines reagiermüden Ausgezählten vor: Herz eines Boxers, Unmut eines Resignierten, Geist eines Desillusionierten. Wabbelwampe, offenes Schmuddelhemd, grauer Anzug, so sitzt er in einer Art offenen, von vier dünnen Stahlträgern getragenen Loggia, die Anja Rabes hat bauen lassen, schält Bananen, die er sich schon auch mal anzüglichkeitsbrav vor den Hosenschlitz hält. Die Tonbandspule fegt er ungeschickt vom Tisch auf den Bühnenboden, von wo sie in den Zuschauerraum rutscht und dem schlechtgelaunten, sich wie hinter einer ständigen grimassierend-blinzelnden Deckung verbergenden mürrischen Kerl von einer Zuschauerin wieder hinaufgereicht werden muss, was für erste Lacher sorgt. Das alte Band hört er leicht angeekelt ab, als gehe es ihn nichts an: Sein Leben liegt im Unlebbaren.

          Versickerte Gefühle

          Im zweiten Teil gibt man „Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“ von Peter Handke. Darin tritt die namenlose Frau auf, über die Becketts junger Krapp tonbandmäßig berichtet, er sei mit ihr in einem Boot im Schilf gedümpelt, auf sie niedergesunken, „mein Gesicht in ihren Brüsten und meine Hand auf ihr. Wir lagen regungslos da. Aber unter uns bewegte sich alles und bewegte uns.“ Und dann: „Nach Mitternacht. Nie erlebte ich solche Stille. Die Erde könnte unbewohnt sein.“ Bei dieser Stelle staunt André Jungs Krapp, später, als er sie noch einmal abspielt, umarmt er das Tonbandgerät ein bisschen. Eine lächerlich-rührende Geste. Denn Krapps Geliebte kann keine Frau, nur die unbewohnte Erde sein: die Welt, die gerade noch in Krapps absolut einsamen Kopf hineinpasst. Der Desinteressierte zeigt plötzlich Gefühle, die ihm aber nichts nützen, sie versickern wie Wasser im Sand.

          Nina Kunzendorfer plappert alle Größe des Einsamen hinweg
          Nina Kunzendorfer plappert alle Größe des Einsamen hinweg :

          Jetzt aber tritt diese namenlose Frau sozusagen frisch aus Becketts Boot auf Handkes Bühne und will nicht nur ein fremder Tonbandeintrag sein, sondern „mein Spiel spielen“, dem Herrn mal sagen und stammeln und raunen, was die Frau von ihm hält, die in seinem Leben nur ein seltsam schaukelnd begrapschter Tonbandtagebuchsatz war und nun zur Erscheinung und vor allem auch mal zu Wort kommen, gefragt werden möchte, wie sie das findet, nur Durchgangsstation zu einer „stillen Welt“ in Krapps Kopf gewesen zu sein: „Du warst nicht offen genug, nicht durchlässig genug.“ Das reibt sie ihm jetzt hin. Im Buch auf achtundzwanzig Druckseiten. Auf der Bühne in einer endlosen halben Stunde. Die Schauspielerin Nina Kunzendorf, enge helle Hose, roter Pulli, Stirnband, tut dies mit der ton- und emotionslosen Nervigkeit einer frisch aus irgendeiner Therapie entlassenen Quasselstrippe, die gern aus Krapps Band einen Bandsalat machen möchte, den sie mit ihrem Aceto feministico fade würzt.

          Leidenschaftsloses Beleidigtsein

          Während André Jung an seinem Tonband-Tisch sitzen bleibt, im Hintergrund verschmockte Videos laufen, die ein Paar beim Aufwachen, bei der Morgentoilette, beim Broteschneiden und beim Eierköpfen zeigen, trägt Nina Kunzendorf die Suada der Beleidigten so leidenschaftslos mezzopiano und aufsagerisch vor, als ginge sie diese auch nichts an. So verrauscht alles im Eintönigen, vor allem der Hauptvorwurf: Krapp sei zu witzig, wolle immer etwas „bedeuten“, halte die „wahre Stille“ nicht aus, spiele immer nur mit dem Nichts, sei „nicht der Schöpfer, der du immer gewesen wärst“, sei schon im Mutterbauch ein greisenhaftes Waisenkind, ein „Verwaiser“ gewesen (da spielt sie schlau auf einen anderen Beckett-Titel an), sei nie Kind genug gewesen, das Zeigen um des reinen Zeigen willens zu zeigen, sondern habe immer nur „auf etwas“ zeigen wollen, außerdem habe er zu viel Bewusstsein, aber sei „unfähig zu einem Zwiegespräch“. (Nichts freilich wäre unbeckettscher als ein Zwiegespräch.)

          Sie könne es ertragen, „übergangen zu werden“, aber kaum hinnehmen, dass er nie „eine Replique von mir“ erwartete, dass er mit ihr das Spiel vom Fragen spielte, nie mit ihr zum sonoren Land aufbrach, „du mein Untergang bist, aber es gibt vielleicht Schlimmeres“. Fehlt eigentlich nur noch, dass sie ihm vorwirft, nichts zur Rettung Jugoslawiens unternommen zu haben.

          Einspruch gegen die Welteinsamkeit

          Sonst aber sind alle Handkeschen Denk- und Dicht- und Schreibklischees versammelt. Nur dass sie – außer der zwischen den Zeilen schwelenden Hauptklage, dass eigentlich ein Handke den Krapp hätte erfinden dürfen müssen – nichts mit Beckett zu tun haben. Und den Krapp hier in ihrer enervierenden Kunzendorfschen Ton-, Interesse- und Hilflosigkeit so sehr nicht treffen, dass André Jung einfach einmal das Band von der Spule wickelt und sich das Gewurl wie eine Perücke aufs Haupt setzt – der einsame komische Höhepunkt des völlig leeren zweiten Teils des Abends. Der Moment, an dem klar wird, dass Krapp wohl gut daran tat, damals diese Dame aus dem Boot zu schmeißen. Womöglich wird er sie jetzt auch von seinem Tonband löschen.

          „Bis dass der Tod euch scheidet“ – ist bekanntlich die Formel, die Paare im Sakrament der Ehe beglaubigen, ohne manchmal danach zu leben: Dass nur das Äußerste, Letzte, Endgültige einen auseinanderbringen könnte, ist für viele einfach zu anstrengend. „Bis dass der Tag euch scheidet“ – ist bekanntlich die Formel, die Gespenster im Sapperlot des Spuks ausnutzen. Beim ersten Hahnenschrei ist alles vorbei. Wer Morgenluft wittert, hat den Nachtmahr hinter sich. Von der Geisterstunde bis zum Tagesgrauen aber muss selbst ein Herr Krapp, so wie Handke ihn sieht, das Gequassel und Gewisper einer nebulösen Wiedergängerin aushalten, die so tut, als hätte sie irgendwann ein Anrecht darauf gehabt, mit Herrn Krapp die Formel „Bis dass der Tod euch scheidet“ auszutauschen.

          In seines Dichterherzens kitschigem Grunde schreibt Handke, der raunende Beschwörer des Welteinverstandenseins, mit seiner Beckett-Replique eigentlich den Groschen-Roman zu einem weltuneinverstandenen Giganten-Drama, Untertitel: „Oberschwester Namenlos klagt an: Ich war für dich nur ein Schilf-Abenteuer!“. Oder als wäre es so, dass eine Art Udo Jürgens dem letzten Streichquartett Beethovens, über das der Komponist ein verzweifeltes „Muss es sein? Es muss sein!“ setzte, mit einer Art gemütlichem Schlager antwortete: „Ich muss es sein! So steh’ ich vor dir!“ Krapp ist das unverkuppeltste Genie der Einsamkeit in Becketts Welt. Handke degradiert ihn zum Krüppel einer Zweisamkeit. „Bis dass der Tag euch scheidet“ ist kein Echo auf das „Letzte Band“. Es ist nichts weiter als eine Beckett-Fälschung.

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