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Salzburger Depeschen (V) : Geh' ma Handke vergiften

Bild: FAZ.NET - Carsten Feig

Daniel Kehlmann liefert sich ein Fernduell mit Peter Handke, stellt einen Kanon der Unterschätzten auf und gibt allerhand Missmut zu Protokoll. Gott sei Dank hat er noch einen Bestseller geschrieben, bevor auch das Buch den Bach runter geht. Das tägliche Salzburger Protokoll von Patrick Bahners.

          7 Min.

          Wer kulinarisches Regietheater liebt, sollte den Goldenen Hirschen meiden. Die Speisekarte bietet ausschließlich Klassiker, keinen davon in dekonstruktivistischer Interpretation: die Schinkenmousse mit Sauce Cumberland, die Frittatensuppe, das in zwei Gängen gereichte, saftige Backhendl, den pochierten Lachs mit Chablis-Mousseline oder die Räucherlachsrosette mit Beluga-Kaviar für 98 Euro. Das Gedeck kostet 3,90 Euro, die Berühmtheiten gibt es gratis hinzu. Die Hotellobby ist schlauchförmig, wer vom Herbert-von-Karajan-Platz kommt, betritt das Hotel durch das Gewölbe des Restaurants und lässt sich von den Obern zweimal die Tür aufhalten. Ein Musiker wie Daniel Barenboim, der in der Furtwängler-Nachfolge die hohe Kunst der impulsiven Temporückungen pflegt, möchte natürlich auch beim Mobiltelefonieren nicht stillsitzen.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In Walter Kappachers Salzburg-Buch „Touristomania“, einer Erzählung in der Tradition der schwarzen Utopie, kommt der Goldene Hirsch als Goldener Biber vor. Der Sohn des verstorbenen Hotelbesitzers, ein Heimkehrer, der Salzburg durch Umlenkung der Besucherströme in eine mit Repliken bestückte Erlebniswelt retten will, berichtet von einer Halbierung der Zimmergröße. Die Petersilienkartoffeln zum Backhendl scheinen nach diesem Prinzip abgezählt. Aber die übersichtliche Menge soll dem Ober Gelegenheit geben, einen Nachschlag, ja sogar die Zubereitung einer weiteren Portion anzubieten. Nach derselben Logik versorgt der Oberkellner alter Schule die Stammgäste mit Komplimenten und mit Anekdoten über andere Gäste: feine Dosierung bei unerschöpflichem Vorrat.

          All you can read

          Was bleibt von der Festspielidee in der Zeit unverzüglicher Einspeisung aller Kulturereignisse in einen Datenstrom, den man jederzeit und überall anzapfen kann? Die Bibliotheken werden vielleicht bald schon in Residenzen für residierende, das heißt für ein paar Tage anwesende Schriftsteller umgewandelt. Der Kulturtourist muss keine Bücher mehr einpacken, das Plastikbrett mit „All you can read“-Garantie genügt. Das von der Firma Amazon verkaufte elektronische Universalbuch ist so klein wie die Speisekarte des Goldenen Hirschen und fast so flach. Nach dem Dessert lässt sich ein deutsches Ehepaar das Gerät von der Tochter vorführen, die es aus Amerika mitgebracht hat.

          Man behandelt es so vorsichtig und liebevoll wie ein Kind oder Haustier. „Jetzt schläft es, und so weckst du es wieder auf.“ Dass als Standard-Bildschirmschoner ein Porträt von Emily Dickinson installiert ist, sorgt für einen Moment der Irritation. „Wer ist denn das?“ Man will ja nicht stören, meint ein Poesiealbum oder ein Tagebuch in die Hand zu nehmen. Aufgeschlagen ist ein Buch, das erklärt, wie es zur Finanzkrise gekommen ist. Was davor geschah, steht in Ernst Gombrichs „Kurzer Weltgeschichte für junge Leser“. Zur Inspiration für den Fall, dass nach der Krise noch Finanzen existieren werden, ist die „Illustrated History of Furniture“ von Frederick Litchfield gespeichert.

          Unendlicher Lesestoff

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