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Salzburg : Heidnische Götter im Gulli

  • -Aktualisiert am

Enorme Ausstrahlung: Camilla Nylund als Rusalka Bild: REUTERS

Endlich eine festspielwürdige Premiere: Jossi Wieler und Sergio Morabito schicken in ihrer Salzburger Inszenierung von Antonín Dvoráks Märchenoper „Rusalka“ die Nymphe in die Sauna.

          Ein einziges Mal nur kommen der Prinz und seine unselige Wassernixe wirklich zueinander. Wie zwei Kinder kugeln sie sich dann, zum Entsetzen der pikierten Hofgesellschaft, über das Festsaalparkett, das für Meerjungfrauen entschieden zu glatt ist. In diesem anrührenden Moment einer spontanen Nähe blitzt für Sekunden die Utopie einer wunderbaren Versöhnung auf. Von der Überwindung unüberbrückbarer Sphären träumt die Nymphe Rusalka in Antonín Dvoráks gleichnamiger Märchenoper ansonsten drei Akte lang vergeblich.

          Das Bühnenbild, das Barbara Ehnes für Jossi Wielers und Sergio Morabitos Inszenierung im Salzburger Haus für Mozart entworfen hat, markiert die disparaten Welten deutlich, wenn auch ein wenig thesenhaft. Die guten Stuben der christlich beseelten Menschenwelt befinden sich im Zentrum der Bühne und sind durch weiß verputzte Mauern und rote Vorhänge von der ringsum dominierenden Natur abgeschottet. Diese ist jedoch längst abgestorben und zugerichtet - eine kiefernholzverkleidete Ödnis, die aussieht wie eine triste Saunalandschaft oder ein trostloser Hobbykeller.

          Rohe Rotte

          Die Natur lebt nur in Projektionen weiter, die Bilder einer Unterwasserlandschaft oder eines Walddickichts zeigen. Die Elementarwesen sind in Wielers und Morabitos Inszenierung verbannt und ausgesondert. Als von der Christenwelt abgesetzte und verteufelte heidnische Gottheiten treiben sie ihr Unwesen unter einem großen Gullideckel in der Kanalisation. Nur hin und wieder schlüpfen „zarte Nymphen, ohne Hemd und ohne Röckchen“, wie Jaroslav Kvapils Libretto sie beschreibt, in leichte Schleier gehüllt und von vorwitziger Neugierde getrieben durch Ritzen hindurch und unter Vorhängen hervor in die Menschenwelt, die hier als krachlederne, durch und durch bigotte und rohe Rotte erscheint.

          Die Regisseure wären hinter ihren eigenen Anspruch zurückgefallen, wenn sie nicht versucht hätten, auch ein in seinem verschlungenen Bedeutungsgeflecht höchst rätselhaftes und anspruchsvolles Werk wie dieses in all seinen Nuancen auszuleuchten. In der Tat ist es eindrucksvoll gelungen, psychoanalytische, symbolistische und historische Deutungsmöglichkeiten des Undinen-Stoffes zu verschmelzen und dennoch die märchenhaften Motive nicht völlig zu ignorieren. In der slawischen Mythologie fanden Wieler und Morabito den unter der Hülle des orthodoxen Christentums weiterlebenden heidnischen Glauben an die „Rusalki“: Geister von „unrein“ oder ungetauft verstorbenen Frauen - Hexen, Selbstmörderinnen oder sitzengelassenen Geliebten - die verdammt dazu seien, in einem von Gott und Teufel gleichermaßen verlassenen Niemandsland zwischen Tod und Leben, Himmel und Hölle fortzuleben. Entsprechend mutiert auch Dvoráks Rusalka in der Salzburger Inszenierung zu einer gruseligen Untoten, nachdem sie an den Gemeinheiten der Menschenwelt - der Menschensprache nicht fähig und vom Prinzen, der den Reizen einer fremden Fürstin erliegt, verraten - zugrunde geht.

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