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Saisoneröffnung: „Tristan“ in der Scala : Kennst du das Haus, wo die Juwelen blüh'n?

  • -Aktualisiert am

Barenboim dirigierte einen kühnen, hochdramatischen „Tristan“ und ließ in schnellen Tempowechseln mit prägnanten Akzentuierungen und jäh wechselnder Dynamik eine wild zerklüftete innere Landschaft erstehen. Jede Seelenfalte dieser Partitur wurde gestisch ausgedeutet, der Fluss des Ganzen zugleich in ein stürmisches Wogen versetzt. Aus nachtblauem, nebligem Licht erhebt sich die gigantische Steinmauer, die Richard Peduzzi drei Aufzüge lang als Hauptelement seines Bühnenbilds dient: ein altes, verwittertes Gemäuer voller blinder Fenster, das schon halb in Natur übergegangen ist. Im ersten Aufzug wird es von einem großen, rostigen Lastschiff durchbohrt, dessen Bug frontal durch die Mauer gebrochen ist.

Traumtief ins Bewusstsein eingegraben

Wie Isolde - die immer noch herrlich ungestüme, zugleich bewundernswert artikulationsklar und intonationssicher gestaltende Waltraud Meier - hier verzweifelt die imaginäre Gischt ansingt, wie sie vor einem arrogant-blasierten Tristan kniet und ihn mit seinem Schwert bedroht, wie beide, durch den Trank verwandelt, somnambul und magnetisiert zueinanderfinden, sich verschmelzungssüchtig aneinander klammern, schließlich gewaltsam von Brangäne getrennt werden, wenn sie den roten Königsmantel über das siamesische Paar wirft - das sind Bilder, die sich traumtief ins Bewusstsein eingraben.

Immer wieder wird das Todes- und Auflösungsverlangen der beiden Liebenden schockhaft unterbunden: Musikalisch durch die grell und lärmend einfallende König-Marke-Welt mit ihren Märschen, Fanfaren und banalen Strophenliedern, szenisch durch jenen blindwütigen Aktionismus, mit dem Matrosen und sonstiges Gefolge dann über die Bühne toben.

Barenboim triumphierte bis zum letzten Klang

Doch leider fällt die Inszenierung in den beiden folgenden Aufzügen rapide ab. Dem großen Liebesdialog des zweiten Aufzugs fehlt die Spannung, was nicht zuletzt daran liegen mag, dass Ian Storey als Tristan - ganz im Unterschied zu Waltraud Meiers durch und durch „gelebter“ Isolde-Verkörperung - in gekonnten, aber äußerlichen Gesten steckenbleibt.

Auch die Bühne wirkt hier nur mehr dekorativ. Durch den giebelartigen Mauerausschnitt, den das Schiff zuvor rammte, sieht man nun die von Wagner geforderten „hohen Bäume“. Im letzten Aufzug klafft hinter der Öffnung das schwarze Nichts. Doch statt dass Isolde sich ihm mit ihrem Liebestod überantworten würde, stolpert sie dann einfach nur tot zu Boden. Zuvor hatte es schon ein veritables Ritterfilmgemetzel gegeben und massenhaft Theaterblut, das von Tristans Wunde auf ungeklärte Weise auch an Isoldes Schläfe gelangt.

Stimmlich hob sich Ian Storey seine Reserven für den eindrucksvoll bewältigten letzten Aufzug auf. Insgesamt klingt sein Tenor jedoch allzu monochrom für die Partie. Auch mit Michelle DeYoungs bisweilen unangenehm scharfem Sopran in der von Chéreau als ältliche Amme angelegten Rolle der Brangäne wurde man nicht richtig glücklich. Matti Salminen war ein durchweg verlässlicher Marke, Gerd Grochowski ein frischer Kurwenal. Daniel Barenboim aber triumphierte mit fiebriger, nicht nachlassender „Tristan“-Spannung bis zum letzten, verlöschenden Klang.

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