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Saisoneröffnung an der Met : Oper steht als Botschaft für sich selbst

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Ihr Kuss! Und sein Kuss! Anna Netrebko und Mariusz Kwiecien in einer Szene aus der New Yorker Inszenierung von Tschaikowskis „Eugen Onegin“ Bild: Sara Krulwich/The New York Times

Protest gegen Putin garnierte die Eröffnung der Saison an der Met. Aber dann triumphierte Anna Netrebko in „Eugen Onegin“, und die New Yorker feierten die Rückkehr von James Levine, der Mozarts „Così“ dirigierte.

          Versprochen, vom Komponisten persönlich, waren „Lyrische Szenen“. Zu vernehmen war erst einmal ein Missklang. Noch bevor die Metropolitan Opera ihre 129. Saison mit „Eugen Onegin“ eröffnen konnte, musste sie einen Angriff parieren, der übers Lincoln Center auf den Kreml zielte. Oder auch umgekehrt. Jedenfalls lag es nicht an Pjotr Iljitsch Tschaikowski, vielmehr an Wladimir Wladimirowitsch Putin, dass sowohl Anna Netrebko als auch Valery Gergiev in Bedrängnis gerieten, und mit ihnen die Met.

          Streitpunkt war die homophobe Gesetzgebung, die der russische Präsident im Juni abgesegnet hatte. Als Putins beglaubigte Anhänger fanden sich die Primadonna und der Pultvirtuose plötzlich im Zentrum einer Protestaktion wieder. Eine Petition mit mehr als neuntausend Unterschriften erreichte die Met, in Solidarität mit Russlands Homosexuellen sollte die Saisoneröffnung mit „Eugen Onegin“, Oper eines homosexuellen Komponisten, im Zeichen der Schwulenrechte stattfinden.

          Anna Netrebko hat nie jemanden diskriminiert

          Die Met lehnte ab. Intendant Peter Gelb ließ einen Zettel ins Programmheft einlegen, auf dem er sich ausführlich nicht zuständig erklärte für „allabendlich stattfindende Schlachten über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten in der Welt“, zugleich auf die Spitzenstellung seines Hauses im innerbetrieblichen Einsatz für die sexuelle Gleichberechtigung verwies und erklärte: „Wir sind stolz darauf, Russlands großen schwulen Komponisten zu präsentieren. Das ist eine Botschaft für sich selbst.“

          Bliebe nachzutragen, dass die Netrebko zuvor mehrmals versichert hatte, nie jemanden diskriminiert zu haben, sich dann aber alle weiteren Bekundungen für ein nächstes Leben aufheben wollte, in dem sie vielleicht als Politikerin Furore machen würde. Gergiev schwieg beharrlich.

          Diese Welt hat mit unserer nicht viel zu tun

          Das taktische Lavieren der Met und ihrer beiden russischen Stars zahlte sich weitgehend aus. Vor dem Lincoln Center sammelte sich zwar hinterm Regenbogenbanner ein Häuflein Aktivisten und zwischen der wie immer zum Saisonbeginn inbrünstig angestimmten Nationalhymne und dem zarten Einsatz der Violinen hallten ein paar unverständliche Rufe von den oberen Rängen. Als aber Gergiev am Pult erscheint, ist Ruhe im Haus und die Vorstellung darf ihren ungestörten Gang nehmen. Was fast schon wieder verstörend ist, nach all der Aufregung.

          Und auf der Bühne eine Welt, die mit der unseren nicht viel zu tun hat. Die Oper wird als Kostümparty gefeiert, mit robuster Landmode in den eher bedrückenden Räumen des Landguts der Larina und mit prächtigem Robengebausche zwischen den massiven Kolonnaden von St. Petersburg, wo die Diva erst in höllischem Rot aufflammt und sich dann das Schneetreiben im elegant taillierten, pelzbesetzten Wintermantel samt passendem Pelzhut zumutet. Von Tom Pye und Chloe Obolensky stammt das Design.

          Im zweiten Teil gibt es endlich etwas Atemluft

          Für den Bruch in der ungeniert konventionellen Bühnenerzählung sorgte Regisseurin Deborah Warner, deren Anweisungen vom Krankenbett ausreichen sollten, um die allerdings nur sporadisch anwesende Schauspielerin Fiona Shaw in ihre würdige Vertreterin zu verwandeln. Das gelang freilich nicht immer. Bis zum Duell zwischen Onegin und seinem Freund Lenski verzettelt sich das Bühnengeschehen in einer kleinteiligen Überaktivität, die für die Filmkamera sicherlich viel Auswahl für ein realistisch angelegtes Historienpanorama bietet, aber in der Weite eines Opernhauses mit viertausend Sitzplätzen schnell verpufft.

          Im zweiten Teil gibt es endlich etwas Atemluft auf der höheren und breiteren und tieferen Szene. Waren bis dahin die Sänger aufs Kammerspielformat eingeschworen, müssen sie jetzt manch überlebensgroßes Opernklischee hervorholen. Ein bisschen pummelig und scheu bis zur Verklemmtheit, ist diese Tatjana wahrlich kein Mädchen, das Eugen Onegin, dem Schnösel und Snob, gefallen könnte. Anna Netrebko und Mariusz Kwiecien sind da zunächst als feinfühlige, wunderbar aufeinander reagierende Schauspieler zu entdecken – bis die beiden sich in den Gefühlswogen des Finalakts wieder als tragisches Opernpaar zu erkennen geben.

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