https://www.faz.net/-gqz-734of

Saisonauftakt in Bochum : Richard spielt Schlagzeug, Maria den Harlekin

Kriegskinder: Paul Herwig als Richard III. und Xenia Snagowski als Lady Ann Bild: Arno Declair

Shakespeares König vergnügt sich mit dem Handy und auch Fassbinders Maria hat gute Laune: Am Bochumer Schauspielhaus beginnt die Saison mit „Richard III.“ und „Die Ehe der Maria Braun“.

          3 Min.

          Beide wollen und kommen nach oben: Richard III. in Shakespeares Historie von 1593 und Maria Braun, Titelheldin von Rainer Werner Fassbinders Film von 1979. Und beide kommen aus dem Krieg: Gemeinsamkeit genug für einen programmatischen Saisonauftakt? Am Schauspielhaus Bochum hat Roger Vontobel auf der großen Bühne „Richard III.“, Jan Neumann in den Kammerspielen „Die Ehe der Maria Braun“ (nach dem Drehbuch von Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich) in Szene gesetzt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der König ist ein Kind im Vorschulalter, das mit einem Handy spielt, die Krone ist ihm über die Ohren gerutscht. Hinter ihm lümmeln Lords, die mit weißem Pelz besetzte Roben tragen, in Klappsitzen, die - wie die Holzvertäfelung und die Fünfziger-Jahre-Lampen - die Ausstattung des Auditoriums fortführen. Das Parlament ist Theater, unsere Geschichte wird verhandelt, wir sitzen alle im gleichen Raum. Neun Monate war Heinrich VI. alt, als er gekrönt wurde, seitdem ist das Land geteilt. Bürgerkrieg: York gegen Lancaster, die weiße gegen die rote Rose. Aber das ist nur der Anfang.

          Ein feiger Kompromiss

          Roger Vontobel beginnt seine Inszenierung von Shakespeares „König Richard der Dritte“ mit dem letzten Teil der „Heinrich VI.“-Trilogie, der die Vorgeschichte erzählt. Nach dem Prolog sitzt der König als Erwachsener auf dem Thron und gerät - Roland Riebeling gibt ihn als schläfrigen Schwächling - gleich mächtig unter Druck.

          Durch seine Frau Margaret, die Jana Schulz als ehrgeizige, scharfzüngige Megäre spielt, die ihn zur Flucht drängt; dann durch die drei Söhne des Herzogs von York, die als halbstarke Gang mit „Y“ auf der Brust („Wir sind die Yorks“) durch die Türen des Zuschauerraums brechen und die Krone für ihren Vater fordern. Heinrich zaudert und schließt einen feigen Kompromiss: Er bleibt, solange er lebt, König, danach übernehmen die Yorks die Krone. Margaret, die ihren Sohn betrogen sieht, ohrfeigt ihn dafür und schwört Rache.

          Die Versöhnung zwischen Lancaster und York ist keine. Margaret bringt den jungen Rutland um, setzt dem blutigen Lappen, den sie von ihm übrig ließ, einen Pappbecher als Krone auf und ist noch lange nicht satt. Auch den Herzog von York hat sie auf dem Gewissen, im Gegenzug nehmen dessen Söhne König Heinrich gefangen: Eduard wird König, George und Richard Herzöge. Der Jüngste läuft zunächst nur mit, schaut zu, wird Zeuge der Gewalt, heult und hämmert den Kopf gegen die Wand. Richard ist ein Kind des Krieges.

          Als sein Bruder Eduard kurzerhand Lady Grey, die in Gestalt der Schauspielerin Therese Dörr als keck berechnende Witwe im schwarzen Mantel im Parkett sitzt, als Frau begehrt, springt sie ihm auf den Schoß, reißt die Kleider vom Leib und taucht mit ihm unter den Herrschermantel. Und als „Eddie“ zehnjähriges Thronjubiläum feiert, wird das eine piefige Party mit Bankett, Swing-Jazz und Feuerwerk, auf der Gattin Elisabeth das Tanzbein schwingt, der Nachwuchs in grauen Schuluniformen tollt und der König schon am Stock geht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein türkischer Militärkonvoi inmitten von Fahrzeugen flüchtender Zivilisten im Norden der Provinz Idlib.

          Assads Vormarsch in Idlib : Geschichten der Ohnmacht

          Die syrischen Truppen rücken in Idlib ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung vor. Die Türkei hält mit Unterstützung für die Rebellen dagegen – aber nur, solange das Moskau nicht zu sehr verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.