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Sängerin Youn Sun Nah : Was sie anfasst, wird zu Jazz

  • -Aktualisiert am

Als sie das erste Mal Tom Waits hörte, dachte sie, ihre Anlage sei kaputt - die Jazzsängerin Youn Sun Nah Bild: Stephane Allaman / Gamma-Rapho / Getty Images

In Frankreich ist sie bereits ein Star, in Deutschland wird sie gerade entdeckt: Die koreanische Sängerin Youn Sun Nah ist die interessanteste Stimme in der heutigen Jazz-Welt.

          Eines Tages, sie war gerade aus Korea nach Paris eingewandert, suchte Youn Sun Nah die Boxen ihrer Stereoanlage ab und prüfte Kabel. Da lief etwas, das sie noch nie gehört hatte: Tom Waits. „Ich war sicher, dass meine Anlage kaputt ist. So kann man doch nicht singen!“, sagt sie.

          Youn Sun Nah ist voll von solchen Anekdoten. Seit noch nicht einmal zwanzig Jahren lebt sie im Westen, von dem Eintritt ins Wunderland schwärmt diese Alice aber noch heute. Damals will sie ihrem Lehrer einmal gesagt haben: Ich gebe auf und fahre zurück nach Korea. „Ich hatte Billie Holiday gehört und dachte damals, man braucht so eine tiefe, rauhe Stimme, sonst ist es kein Jazz“, erklärt sie. „Ich dachte also, ich kann keinen Jazz.“ Sie kann aber doch. Und wie. Auch wenn die Mär von einem weiblichen Kaspar Hauser des Jazz, mag sie auch wahr sein, etwas übertrieben wirkt. Sie beweist ja nur eins: Jazz ist eine Weltsprache wie Englisch oder HTML. Aber Youn Sun Nah ist das Jazzwunder dieser Saison.

          Ohne Risiko?

          Auf Youtube kann man ein Video sehen, da steht sie allein auf der Bühne mit nichts als einem Mikrofon und einer Loop-Station. Einem Gerät also, das einmal Eingesungenes auf Knopfdruck immer wieder spielt. Die kleinen Kisten sind im Moment das Lieblingsspielzeug von etwa dem Spaß-DJ Erobique. Bei einer höflichen Jazzerin aus Fernost wurden sie noch nie gesehen. Youn Sun Nah singt also mit sich selbst, sie scattet, schnalzt und knarrt, sie begleitet sich, summt und pfeift, aus dem Nichts entsteht da ein Glaspalast aus Gesang. So etwas kann schrecklich gewollt werden. Nur, wie sie es macht, ist es phantastisch. Man möchte, dass es immer weitergeht.

          Diese Frau ist, endlich, der Schlusspunkt unter ein Elend mit den Jazzsängerinnen, das schon lang andauert. Millionenfach verkaufte sich Norah Jones’ erstes Album vor zehn Jahren und sagte der Welt: Jazz ist, wenn eine Frau seicht und warm singt, ohne dabei ein Risiko einzugehen. Daran haben sich fortan alle gehalten. So genannte Jazzhoffnungen kamen und gingen, überraschend war keine. Die Norwegerin Rebekka Bakken landete beim Folk. Diana Krall ruht sich auf ihrem hohen Niveau aus. Silje Nergaard, Sidsel Endresen, Jane Monheit, alle waren solide und gut. Irgendetwas fehlte immer. Wo waren diese unendlich lang ausgehaltenen Noten von Shirley Bassey, wo das Gänsehaut-Vibrato von Sarah Vaughan, wo Ella Fitzgeralds Lässigkeit? Jazz war doch Wagnis gewesen.

          So einfach wie möglich

          Vielleicht mussten erst ein paar Dinge glücklich zusammenkommen, bis man daran nun wieder glauben kann. Die deutsche Plattenfirma Act, die in den vergangenen fünfzehn Jahren so viele Talente entdeckt hat wie niemand sonst. Und Ulf Wakenius, der schwedische Gitarrist, der jahrelang mit Oscar Peterson spielte, dessen weicher, bluesartiger Klang sich nie aufdrängt und viel Raum lässt. Das muss er auch für die Art von Musik. Ulf Wakenius und Youn Sun Nah spielen einen für den aktuellen Jazz ungewöhnlich klaren, schlanken Sound. Selten hört man überhaupt mehr als zwei Instrumente gleichzeitig. Diese Musik wirkt weiträumig und frei, sie lässt viel Luft. Das ist fast ECM-Jazz, aber ohne den spirituellen Einschlag.

          “Ich möchte so einfach wie möglich klingen“, sagt Youn Sun Nah. „Minimalistisch soll die Musik sein.“ Singt sie „My Favourite Things“, den Swing-Klassiker aus dem Musical „The Sound of Music“, hört man nur eine Stimme und dazu das immergleiche Muster von einer Kalimba, dem afrikanischen Mini-Instrument mit dem glockigen, märchenhaften Klang. Nach solchen Meditationen kann dann eine rasante Scat-Nummer folgen, wie „Momento Magical“ vom neuen Album, ein rasendes Experiment mit Gitarre und Stimme. Verrücktheiten, wie sie zuletzt Chick Corea in den siebziger Jahren mit der Brasilianerin Flora Purim veranstaltet hat.

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